Die Erinnerungen meines Vater`s

Buchumschlag
Der Buchumschlag
Der Verfasser 1947
Willi Witte geb 19/6 - 1929
Willi Witte 2000Der Verfasser des Buches im Jahr 2000                                  willi 2009  Willi 2009    

Keine Alternative zum Frieden

Ich  wurde  im  Juni  1928  in der  Paulstrasse  geboren.  Es  war eigentlich  eine  sehr  ruhige  Strasse. Meine erste Bekanntschaft  mit  den Nationalsozialisten  machte  ich  als  Kind  von  ca.  5   Jahren,  als  ich abrupt  von  meiner  Mutter    von  der   Strasse  geholt  wurde.
Denn  es  kam  ein  LKW  mit  laut grölenden  und  singenden  Männer   die  Strasse Richtung   Neue  Strasse  hochgefahren.  Diese waren  SA  Leute (Schlägertruppe),  wie ich durch Erwachsenengespräche erfahren  konnte.


Diese  Leute  sollen  auch  in  der  Neuen  Strasse  von  jüdischen   Bewohnern  Betten   usw.  rausgeschmisse haben .Habe   da  aber  nur  eine  schwache  Erinnerung  davon.   Aber  dieses  Rollkommando  habe  ich  wie  heute  noch in der  Erinnerung.   War  wohl  der   Schreck  oder   die   Angst  als  Kind.   Weitere   Entwicklungen   bekam  ich  als    Kind auch  nicht  mit. Vater  und  Mutter  hatten  meistens Arbeit,  und  so ging  es  uns  auch wirtschaftlich  entsprechend  gut.  Politisch war    keiner  von  den  beiden besonders  interessiert.   Später  zogen wir  in  die  Bismarkstrasse,  von da  aus  in  ein  mit  Eigenleistung  gebautes   Doppelthaus  in  die  Deckerstrasse. Als  ich  ca.  neun  Jahre  alt  war, kam ich  in  die   DJ Deutsches Jungfolk).

Zuerst  war  dieses  mehr  freiwillig  und  brachte  sogar  Spass.  Wir  hatten uns    im  Süden von  Westerland  in  einem  ehemaligen  Bunker  aus   dem  ersten    Weltkrieg   eine  Art    Heim  eingerichtet.   Das  ganze   war  mehr  so   richtig    nach    Pfadfinderart   gehandhabt.   Etwas   später,   ca.  1938 - 39   kam  dann   immer    mehr   Zwang    hinein.   Ich  erschien  immer  in  Zivil  zum  Dienst.

Denn  ich  bekam  und  bekam  von Zuhause  einfach  kein  Braunhemd  mit Schlips   und   Knoten  gekauft,   (Geld war    auch  knapp).    Aber  man konnte  zum  Aussenseiter   werden,   wenn man  da  nicht  mitmachte.   Das  wollte ich  zu  der   Zeit  auch  nicht.  Denn   zu   alternativen   Denken  wurden  wir  nicht  erzogen .


So  bekam  ich  dann  eines  Tages  von  meiner  Grossmutter  das    gewünschte   Hemd  (Fünf   Reichsmark  zu  der  Zeit).   Mittlerweile  hatte  uns  die  DJ    so   im   Griff   mit    Mittwochs   und  Sonntagsdienst.   Laufend  Sport  usw.  Und    immer  im  militärischen   Stil. Auch  die  Schleiferei  gefiel  mir  in  dem  Stil     nicht.   Aber andererseits    waren   wir  in  diese  Entwicklung  reingewachsen    und  fanden   uns  damit ab. Ich  fehlte  schon  mal  beim Sonntagsdienst. Auch  schon  mal  dreimal hintereinander.

Das  hiess  zu  der Zeit eigentlich:  Wochenend -Jugendarrest  Flensburg.   Zuerst  musste  ich, wenn ich  dreimal  hintereinander  gefehlt  hatte, zur Kripo.   Da   wurde    ich  dann zusammengestaucht.  Der  Kripobeamte  (Konrad)  hatte es aber    irgendwie   immer  unter  den  Tisch  fallen  lassen  und deshalb  brauchte  ich   nie  zum  Jugendarrest.
Da  gab  es  wohl  nichts  zu lachen.   Ich  machte  dann  auch einigermassen   weiter   mit.   Die Eltern  hatten  zu  der Zeit  auch überhaupt  keinen  Einfluss   auf   diese  Dinge.  So  kam  dann,   wie wohl  für  viele  voraussehbar,   der   1.September   1939   mit  dem Kriegsanfang.  Wir waren,   kann  ich mich  erinnern,  zu  der Zeit   gerade  am  Strand.   Ich   dachte,  hoffentlich   kommen   wir  noch  heil  nach Hause  bevor   geschossen   wird.  Als   Kind hatte  man  eben   noch  keine  Vorstellung  vom  Krieg.   Am   Strand   hat   sich die  Nachricht  vom  Kriegsanfang   wie ein  Lauffeuer     verbreitet.   Es war  auch  schon  viel  Militär   zu dem  Zeitpunkt auf  der   Insel.  Trotzdem   lief  der  Kurbetrieb  normal  ungestört  mit  Kurkonzert usw. weiter.   Ab   und   zu  hatten   wir Besuch von  meinem  Onkel.  (Bruder meines    Vater´s)   Der  war  zu der  Zeit   Offizier  im  Hunderttausendmann  Heer.  Von  Hitler   hielt er  aber  nicht viel.   Sein    Eid  als   Soldat  war   ihm  heilig.  Das  wusste ich  zu  der   Zeit auch  noch  nicht. Hätte  ich wahrscheinlich   vom    Alter her  auch nicht   begriffen.   Wenn  es  darüber Gespräche   der    Erwachsenen  gab, passten   sie  sowieso  auf,  das  wir Kinder  nichts  mitbekamen.


Es  gab  auch  einiges  Kurioses  zu  erzählen.  Zum  Beispiel,  gab  es  im   Soldatenheim   einen  Feiertag,  wo  SA - HJ   und  alles,  was   es     sonst   noch  gab,   aufmarschiert   war.   Dann  hiess  es:   "Präsentiert    die   Flaggen!"

Da  war  H.W.  wohl  zu  übereifrig  und  stiess  den  Flaggenmast  mit  der Spitze  so  fest  in  den  Holzbalken, unter  dem  er  mit  seiner  Gruppe stand,   das er   diesen  nur  mit Mühe  wieder  herausbekam.   Das  sah so  lustig  aus,   das   ich   grinsen  musste.   Dabei  wurde  ich  erwischt  und  musste  nach  der  Feier  strafexerzieren   (bin  geschliffen  worden). 
An  etwas  ähnliches  kann  ich  mich  noch  erinnern.  


Inzwischen  war   ich   von   der   HJ   (Hitlerjugend)   übernommen    worden.   Es  war  ein  grösserer   Aufmarsch  an  dem  Tag  von  HJ  und   DJ.   

Wir  marschierten  vom  Bahnhof   Westerland  los  und   wurden  von einem  grösseren  Musikzug  angeführt. Ganz  vorne   an   der   Spitze  lief   der    Tambourmajor   H.Br.   (Sehr   eifrig   in  seinem  Amt).  Wir   sollten   laut   Marschbefehl   hinter  dem  Hotel   "Deutscher  Kaiser"  (heute  Kaisers   Kaffee  Geschäft)   rechts   in   Richtung Norden   (Rathaus)  abbiegen.  Was  wir  einschliesslich     Musikzug  auch   taten!    Nur  der  Tambourmajor  hatte wohl  nicht  richtig  zugehört. Dieser  marschierte  statt   nach  rechts,  alleine  geradeaus  die  Friedrichstrasse hoch.   Irgendwann   hat er  es  dann auch  gemerkt.  Lustig  war auch dieses,   nur   gelacht   haben    wir  erst  später  darüber!   Unser Vater wurde  gleich  am  Anfang   des  Krieges  eingezogen.   Es  hat  sehr viel  Tränen  beim  Abschied  gegeben. Wir  sind   drei  Geschwister.   Wenn mein  Vater  auf  Urlaub war,   sagte er  immer   zu     mir:  "Wenn  du   dich  freiwillig  zum  Militär meldest,   fliegst  du  Zuhause   raus!"  Solche   Bemerkungen    haben damals   schon gereicht,   um  ins  KZ ( Konzentrationslager)   zu   kommen.   Die   Soldaten,   die fern  der   Heimat  waren,    wussten  auch  nicht,  was   so   in  der  Heimat    politisch  vor  sich  ging. Ich  hatte  schon  als  15  jähriger   meinen    Wehrpass    als  Kriegsfreiwilliger.   Wir  wurden so  darauf gedrillt,    uns   freiwillig  zu melden,   das   uns  gar  nichts  anderes übrig  blieb.   Was  es  hiess  Frontsoldat zu  sein,   mit  all seinen  grausamen  Erlebnissen,  sollte  ich  später  auch   noch  erfahren.  Zwei,  eigentlich  drei   Begegnungen,   mit  Hermann   Göring  hatte  ich   auch.


Ich  mag  etwa  zwölf  Jahre  alt gewesen  sein.  Wir  waren  mit  mehreren Kindern in  der  Nähe  vom  Hotel   "Miramar". Da  hiess  es:   Hermann  Göring  kommt zum  Strand  und  wird  hier  am  Strandübergang   Friedrichstrasse  aussteigen.  Wir   waren natürlich  neugierig  und  wollten  ihn sehen.
Er  kam  dann  auch  mit  einem Wagen  vorgefahren.   Ich  stand  ziemlich  vorne   und  wurde  soweit  von der  Menge  zum  Wagen  geschoben,  das Hermann   Göring   fast  die  Wagentür nicht  mehr  aufbekam.
Alles  schrie:   "Sieg heil !"   Ich selber  war  nie  für  lauten  Jubel.  Das   hatte   zu    der   Zeit nichts  mehr  damit zu  tun,   das ich  vielleicht  ein   Gegner,  oder  Ähnliches,   dieser  Leute  war.
Ich  war,  wie  alle  anderen  in meinem  Alter  auch,    in  diese Entwicklung   reingewachsen   und   fand diese  Welt,  wie   sie war,   absolut in  Ordnung.

                              Den Marokkaner nannten wir
                                               "Olala"

Meine  zweite  Begegnung  mit  Hermann Göring  war  in  Berechtesgaden.


Dort  war  ich  für  ca.  neun  Monate  am  Königssee  mit  der   KLV    (Kinderlandverschickung).   Dieses  war mit  Schuldienst   verbunden,   und    natürlich  gab  es  auch  jede  Menge   HJ - Dienst.   Eines  Tages,   wir   hatten    Freigang,  ich  war  am  Bahnhof  von  Berechtesgaden  und   stand   an   so   einer   Art  Zeitungsstand  in  der  grossen  Bahnhofshalle.  Mit  einem  Mal  sah  ich,   ich  dachte ich  gucke  nicht  richtig,

Hermann Göring  eilig  und  grossen  Schrittes  die  Bahnhofshalle  durchqueren. Es  war  noch  ein  Bayer  in  der Halle.  Dieser  rief    laut:   "SiegHeil",    als  er   Hermann   Göring sah.  Wenn  einer  in   so  einer grossen   Halle   "Sieg   Heil"    ruft,   klingt   das  doch recht komisch.  Göring   war  auf  dem Weg  zum    Obersalzberg.


Den  Obersalzberg  bekamen  wir  aber während  unseres  KLV  Aufenthaltes  nie näher  zu  sehen.  Wieder  zuhause ging   es  mit  der  Schule,   HJ-Dienst  usw.  wie  gehabt  weiter.  Auf der  Insel  waren  enorm  viele Soldaten  und  auch     Fremdarbeiter  für den Bunkerbau  und  andere Befestigungsarbeiten  verpflichtet worden.  Unmittelbar  neben  dem     Bahnhof (südlich) auf  einer  grossen    Fläche waren Eisenbieger  für  den  Bunkerbau stationiert.  Hier   arbeiteten     hauptsächlich  Gefangene  der  italienischen Badoglio-Armee.   Diese Strafgefangenen  wurden  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes wie   Vieh  behandelt!    Ich habe selbst  gesehen,   wie    man   diese Leute  mit  geflochtenen  Draht    verprügelte.    Wir  wurden  aber   meistens von den  Bewachern  weggejagt.
 

Zigaretten und Brot für die Gefangenen

Im  Osten  von  Westerland,   Ende Stadumstrasse,   war  das  sogenannte Arbeitslager.   Dort  waren  auch  Italiener,  die   sich  aber so  halbwegs freiwillig  in  Ihrem   Land  für Arbeiten   in   Deutschland  verpflichtet  hatten.  Denen  ging  es     aber  wesentlich besser  als  den  Angehörigen  der  Badoglio-Armee. Diese  hatten  auch  mal  die  Möglichkeit,   im  Urlaub  nach  Hause   zufahren. Wenn  sie  aus  dem  Urlaub  wieder  zurückkamen,    brachten  sie  so  manche  Dinge  mit,  die  es in  Deutschland   schon  lange  nicht mehr  gab.  Das   war    wohl auch   für   einige  deutsche  Frauen  sehr  interessant,  soweit  ich   mich  erinnern  kann. Ausserdem  waren,   soweit  ich  mich erinnern  kann,   Dänen,   Niederländer,  Belgier  und  Marokkaner  in  den  Arbeitslagern  auf  der  Insel  untergebracht.


Den  russischen  Kriegsgefangenen auf  der  Insel,   ging  es  wohl   am  schlechtesten.   Das  Barackenlager  dieser  Menschen stand  etwa  da,   wo    heute   die Telekom  mit  dem   Funkturm   ihren  Standort hat.

Es  mag  auch  100m  südlicher gewesen  sein.   Was  die   Russen  so  alles   machen   mussten,   weiss  ich nicht  mehr  so   ganz  genau.    Aber  an  einige  Gefangene  kann  ich mich  noch  gut  erinnern,   denn  sie arbeiteten  bei  unserem    Kohlenhändler   A. Nielsen,    der  später  nach  dem  Krieg   Bürgermeister   der Stadt  Westerland   wurde.   Ich   hatte   gesehen   wie   zwei   Russen bei   Schnee  und    eisiger   Kälte nur  Lappen  anstatt  Schuhe   an  den  Füssen  hatten.   Die brachten  mal  Kohlen  zu  uns.  Meine  Mutter  bat  sie,   diese  im  Schuppen auszuschütten.   Da  lag  ein  Haufen Brot    für   die   Hühner,   das wir  immer  bei den  Soldaten  holten.  Es  war  steinhart  und   total verschimmelt.  Aber  diese beiden fielen  wie   Tiere  darüber   her,  so   ausgehungert  waren  sie.   Den Russen etwas  zu   Essen   zu  geben war ja    streng   verboten.   Ich  weiss aber,  das  meine  Mutter  und  eine  Nachbarin immer   frisches   Brot   für  die   Russen   unter  dem Ascheimer  versteckten.   Später,  nach  Kriegsende   und    der  Befreiung der Kriegsgefangenen,  trafen   die   Russen  mal  meine  Mutter  am  Kino.    Sie sind gleich  auf  sie  zugegangen  und  sagten:  "Gute Frau".   Wie  schon    erwähnt,  wenn  jemand  erwischt wurde,  der  den  Russen  etwas  gab,  dem   war  mindestens  Gefängnis  sicher.    Andreas  Nielsen,  der Kohlenhändler,   hat  damals  sehr  viel  riskiert, als  er  den  Russen  so  viel geholfen hatte.  Wir  Jungs  kannten  damals  einen Niederländer,  einen  Belgier  und   einen  Marokkaner   etwas  näher.  Es  waren   Zivilarbeiter,  die  sich  auch  ein  bisschen   freier   bewegen  konnten.
Leider  weiss  ich  die  Namen   nicht mehr.  Den  Marokkaner  nannten  wir  "Olala".   Denn  immer  wenn er  irgendwie    erstaunt oder erschrocken  war  sagte  er,  "Olala". Von  nun  an  hatte  er  so seinen  Namen weg. Diese  drei,  vielleicht  auch  mehr,  wurden  eines  Tages  von der  Gestapo abgeholt.  Einige  von  uns,  ich  auch,  mussten  daraufhin  zur  Gestapo  in  der Bahnhofsstrasse.  Leider  weiss  ich  heute  nicht mehr  warum.   Man  sprach    von   Sabotage,  glaubte  ich  aber  nicht.  Die  drei wurden  dann  im  Rathaus  für  kurze Zeit  in  eine  Zelle  gesperrt.  Die  Zellen  wurden  von  einer  hohen  Mauer  zum  Hof  hin,   (heute  Hof  der   Feuerwache)  abgegrenzt.  Über diese  hohe,   halbrunde  Mauer  haben wir  den  Gefangenen,   weiss  ich  noch,  mit  Wäschestützen  Zigaretten  und Brot   gereicht.

Dazu  mussten  wir  übereinander  stehen.  Später  wurden  die  Gefangenen  an einen  anderen  Ort  verlegt. Wir  haben  niemals  wieder  von  ihnen gehört!  Wehe,  man  hätte  uns  dabei  erwischt. Von  wegen,  "nicht  strafmündig". Das  gab  es  in  diesem  Sinne nicht.   Erziehungsanstalten  waren  mehr als  harte   Schulen.    Es  ging aber  alles  gut   für  uns.  Allerdings   war  zu  der  Zeit  alles gefährlich,   wenn  man   etwas   "Verbotenes"  tat.  Denn  man  konnte  nicht mal  seinen  Nachbarn,  Arbeitskollegen,  Freunden,  Verwandten,   wem  auch  immer, trauen.   Dieses  Problem   hatten aber mehr  die  Erwachsenen.  Die  Heranwachsenden waren  ja  in  dieses   System  hineingewachsen und  kannten  es  eben   nicht  anders.


Das  wir  diesen  drei  Menschen,  soweit  es  uns  möglich  war,   geholfen hatten,     war  wohl  unserem  Instinkt  zuzuschreiben.  Denn  wir  waren   auch   noch  sehr   jung  und  hatten  mit  denen  nur  ein bisschen angefreundet. Dieser  Vorgang  war  auch  einmalig.  Wir  haben  ähnliches  auch  nie   mehr  riskiert.   Es   gingen  auch  enorm  viel  uniformierte   Streifen  durch  die  Strassen. Es  waren  auch    H-J   Streifen   dabei.  In  den  Dünen  habe  ich  oft Streifen vom  Zoll  gesehen.

Es war praktisch alles unter voller Kontrolle. Wir hatten z.B.den kasernierten Luftschutzdienst. Die meisten waren unter 18  Jahre alt. Da war z.B. ein   Kaufmann  aus der  Strandstrasse. Ich glaube,der war Zugführer oder ähnliches.Wenn man den Mann irgendetwas über dieLuftschutzeinheit  (SHD) fragte,war seine Antwort  stets: "Geheim ! Geheim !"
Nun gab es beim Luftschutz wohl kaum Geheimsachen. Ansonsten ginges  aber  streng  militärisch  beim SHD zu.

Der "Vollblutsoldat" und der"Mussoldat"

Meine Mutter hatte einmal ein besonderes aufregendes und gefährliches Erlebnis in der oberen Friedrichstrasse. Ein grosses Flugzeug,eine HE 111  oder ähnliches, hatte versucht am Strandnotzulanden. Dabei flog es  dicht  über die Dächerder   Friedrichstrasse hinweg und streifte  dabei mit  einem Flügel das Hotel "Miramar". DasFlugzeug ist dann ins  Wasser  abgestürzt.  DieMannschaft ist dabei ums Leben gekommen. Was noch erwähnenswert  ist:  Die in den ersten Kriegsjahren angeschwemmtenenglischen Seeleute und  Piloten  wurden mitEhrensalven beigesetzt. Dieses war für uns Kinder  natürlich  interessant, da wir unter anderem  die leerenPatronenhülsen  sammeln   konnten.Der Ehrensalut wurdevon Luftwaffensoldaten gefeuert. Später, als  man anfing  die Städte zu bombardieren,  hörte diese Artvon  Beisetzungen auch auf. Noch ein erwähnenswertes Erlebnis  hatte  ich  in  der Näheder Hauptwache  zum Fliegerhorst. Diese war unmittelbar amheutigen,  nördlichen  Friedhofseingang. Wir hatten dain der Nähe auchunser  Elternhaus.  Mein  Vater hatte gerade seinen Fronturlaub.Er lag zu der Zeit  mitseiner   Einheit  vor Leningrad. Wirspielten in der Näheder Flugplatzwache.  Da   kam ein  HJ - Führermit ein paar Mädchen des Weges. Weil ich  ihn  nichtgrüsste,   rief er mich zu sich.Er hat mich dann sorichtig   runtergeputzt.  So etwas  musste  man erlebt haben!Die Vorgehensweise lässt  sich nicht überliefern.   Ichging nach Hause und erzählte diesen Vorfall meinem   Vater.Zufällig  kam auch noch dieser HJ- Führer  mit den Mädchen  an unserem Haus   vorbei.  Mein Vater bekam so einen Wutanfall  und stürzte  auf diesen,  nicht   Gegrüsstenzu,dassich dachte, den prügelt  er wohl durch. Aber  zum    Glück, für  meinen Vater,   tat er dies nicht,  sondernschimpfte  ihn,  im wahrsten Sinne des  Wortes, sorichtig aus. Er  wäre ein "Rotzbengel"   usw.


Hätte dieser HJ - Führer meinen Vater angezeigt,hätte es für ihn bös aussehen  können, obwohl erFrontsoldat  war. Aber gerade weil er an der Front so viel  gesehenhatte und nun dieses  Zuhause   erleben musste, war er wohl soerbost. Mein Vater hatte  allerdings  ein  gestörtes Verhältniszu Uniformträgern und  zum  Militär überhaupt.     

Deshalb wurde er wohl auch nur Gefreiter. Sein Bruder dagegen war Oberstleutnant,  wurde später Oberst. Die beiden trafen sich durch grossen Zufall vor Leningrad. Sie hatten   sich  schon lange Zeit nicht mehr gesehen. Das war ein Treffen, der "Vollblutsoldat"  und der "Musssoldat"! Der Vater der beiden Brüder (mein Grossvater) wohnte in einem kleinen  Dorf bei Flensburg. Er war ebenfalls ein grosser Hitlergegner. Dies ist  mir  zu der Zeit alles nicht besonders aufgefallen. Denn man  musste doch sehr vorsichtig sein. Mein Grossvater liess aber doch hier und da mal eine entsprechende   Bemerkung los. Das begriff ich auch erst später. Denn für mich, wie schon erwähnt, war die Welt, wie ich sie  erlebte,  in Ordnung. Ein ins sehr nahestehendes älteres Ehepaar auf  dem Festland,  (er war Frührentner) bekam vom Winterhilfswerk einige   Kleidungsstücke geliefert. Da war eine Jacke dabei, mit einem ganz  deutlichen Einschussloch drin. Natürlich weigerte er sichdiese Jacke anzunehmen, (wohl  auch   mit unpassender Bemerkung). Darauf hatte er dann  auch Gestapobesuch! Aber  er  hatte Glück. Espassierte nichts weiter. Inzwischen wurden die Bombenangriffe auf unsere Grossstädte intensiver.

Wir auf Sylt wurden aber verschont. Ausser mal ein Notabwurf. Einmal   hatten  wir, wie ich mich erinnere, zwei Luftminen als Blindgänger  in Westerland.  Eine war in der Feldstrasse im Garten von Walter Lange   runtergegangen  und   guckte  über einen Meter aus der   Erde.

Ich bin morgens auf dem Weg zur Arbeit  daran  vorbeigegangen. Warum  da nicht abgesperrt war, weiss ich auch nicht mehr.  Die  andere Luftmine war in dem heutigen Westhedig,  runtergegangen.  Zu der Zeit  war ein  Bauernhaus   (Friesenhaus) auf dem   Grundstück. Dieser Blindgänger  war tiefer in  den  Boden gedrungen. Zur Bergung dieser Luftminen  hatte man KZ Häftlinge herangezogen. Es hat wohl   Schwierigkeiten bei  der Bergung  gegeben, da diese immer tiefer absackte. DieBergung glückte aber später ohne  Verletzte.

 Wehrertüchtigung oder Konfirmation

Die damaligen Feinde rückten immer näher auf das Reich zu.  Dann  hiess es: "Die HJ muss  zum Panzergräben bauen an die   dänische   Grenze!"   So wurden wir dann verpflichtet, in der Nähe von Süderlügum Panzergräben zu bauen. Wir waren z.B. in einer ausgeräumten Gaststätte  untergebracht.  Am Tag war hartes Arbeiten mit dem Spaten angesagt. Wenn  Feierabend war,  ging es Singend in Reih und Glied nach Hause (Unterkunft). Es wurde  auf   Stoh geschlafen.


 Ein Mädchenlager (BDM) war auch da. Ich glaube,  die machten meistens   Küchendienst.  Ich warvorher auch schon  mal  in  so einem Wehrertüchtigungslager in der Nähe  von  St.Michaelisdon. Die meisten von uns, die da ankamen, waren zu der   Zeit schon Kriegsfreiwillige, man hatteja auch gar keine andere Wahl !   Denn  als wir ankamen, hiess es  beim   Antreten z.B. "Kriegsfreiwillige, rechts raus!"

Der Haufen, der sich nicht  freiwillig meldete, war deshalb immer sehr  klein.Diese wurden mittags früher zum Exerzieren vom Tisch geholt. Auch nachts holte man sie oft aus den Betten. Da war es bald für  die  meisten   vorbei mit  "Verweigern". Auch beim Antreten  mussten sie oft  nach  vorne treten  und wurden als,  Muttersöhnchen usw. lächerlich gemacht.Es  wurden  mal  zwei beim Rauchen erwischt. Denen wurde eine Glatze  geschnitten,  und jeder  musste  auf  einem Stuhl sitzen. Ich glaube es waren  über 24  Stunden. Wir,  die dann  gerade Wache (Streufe) schoben,  hatten  strenge Order, darauf zu achten,  dass   die beiden nicht einschliefen. Anschliessend  wurden   beide abgeholt. Ob  zum Jugendarrest  oder ähnliches, weiss  ich nicht  mehr.

Diese Wehrertüchtigungslager waren meist einmal im  Jahr. Mindestens  einmal musste man an diesen teilgenommen haben. Durch dieses Lager hatte  ich   auch Schwierigkeiten mit meinem Pastor Wester. Dennich war zu  der Zeit  gerade   im Konfirmandenunterricht. Dieser   dauerte damals   zwei   Jahre.

Der Pastor sagte zu mir: "Lager oder Konfirmandenunterricht, sonst wirst du nicht konfirmiert! "Es fehlten mir noch drei Monate vom Konfirmandenunterricht. Da ich ins Lager musste, war es mit der Konfirmation vorbei. Der Pastor  hatte  viel Mut gehabt, muss ich sagen.

Jugendweihe So bekam ich dann die Jugendweihe. Auflehnung   gegenden   Pastor wäre zwecklos  gewesen. Dafür war dieser viel zu konsequent.   Ich glaube, er hatte auch so   genug Schwierigkeiten im Dritten Reich  . Später  wurde Pastor Wester ein   angesehener   Bischof.

Ich kam 1943 in die Lehre der Sylter Inselbahn.

Die Inselbahn war damals ein richtiger Grossbetrieb. Denn   dieses versorgte   die Dörfer von List bis Hörnum  mit Gütern  aller Art. Personenverkehr war  zu der Zeit auch nur mit der Inselbahn möglich. Sylter Inselbahn

Der Transport der Materialien  fürdie im Bau befindlichen   Befestigungsanlagen   gingauch nur mit der Bahn.   Bei der Inselbahn waren damals nochsehr unterschiedliche, politische  Auffassungen  unter denBeschäftigten vertreten.   Diese machte   sich allerdings  nur   zwischen  den Zeilen  bemerkbar.

Da waren Sozialdemokraten,  Kommunisten   oder   Nationalsozialisten.   Bei Unterhaltungenmerkteman auch   schon mal  mitunter  die leisen  Reibereien   untereinander.

 -Breslau- Alles war dunkel und unheimlich

Im August 1944, nach dem Attentat auf Hitler, ging eineVerhaftungswelle durch  Deutschland. Ich arbeitete gerade bei unserem Altgesellen Carl Jessen.  Im  Zivilberuf  Hotelier und Stadtvertreter war er im Kriege zur Sylter Inselbahn  als     Schlosser dienstverpflichtet worden. Carl Jessen war für seine  Arbeitskollegen   und   auch Meister nicht immer ein leichter Brocken. Er nahm  auch kein Blatt  vor den  Mund,  wenn es um  Politik ging. Er war ein alter Sozialdemokrat. Als  Handwerker im Betrieb war er überdurchschnittlich  tüchtig und wurde auch so respektiert. Für einen Lehrling war es schon  fast  wie eine Auszeichnung, bei ihm arbeiten zu dürfen.

Carl Jessen Eines Tages, im August 1944, kamen zwei Hilfspolizisten an unser Werkstatttor  und traten auf   Carl Jessen zu.Es waren zwei  hiesige Leute, die als Hilfspolizisten   eingezogen worden waren. Der eine, Kaufmann Kr., sagte zu Carl Jessen auf  Plattdeutsch:

"Ich soll dich abholen" Carl Jessen wie es so seine Art war, sagte nur kurz: "Jo". Dann sagte derHilfspolizist Kr. auf platt: "Ich darf das ja nicht,aber willst du noch mal nach Hause und eine Jacke überziehen?"Carl Jessen sagte kurz: "Nein". Und ging dann in voller Arbeitskleidung  mit den beiden   über  die Schienen in Richtung Rathaus. Ich musste dazu   noch sagen, das   sich nur einen  Polizisten gesehen hatte. Der zweite konnte  hinter einem  Mauervorsprung gestanden haben. Ich war ganz   schön aufgeregt. Von einem   jüngeren   Gesellen wurde ich angeschnauzt, er sagte: "Verschwinde  hier, das ist nichts   für  dich!"  Ich begriff sowieso nichts mehr. Blieb aber  in der Nähe.  Der junge Geselle,  Ernst Schmidt, war zu der Zeit  Kommunist.  Er machte  auch   keinen Hehl aus seiner  politischen   Einstellung.  Aber er hatte  wohl Glück,  dass er nie       angeschwärzt  wurde. Dieser  Geselle   erzählte  mir auch   später (52 Jahre später)  das die  beiden   Polizisten mit   Carl    Jessen erst zum   Zigarettenladen  ("Max Zigarre") gegangen  sind um Zigarren  für  Carl Jessen zu kaufen. Das muss für  die   beiden  Polizistenein   sehr grosses   Risiko gewesen sein.  Ich  hatte  immer   geglaubt, das Ernst  Schmidt   schon lange   tot sei. Durch Zufall hörte  ich, das er noch lebt. Ich  habe ihn auch gleich aufgesucht, um meine Erinnerungen   aufzufrischen.  Selber   schreiben mag  er nicht mehr. Er wird bald90 Jahre  alt. Er sagte mir auch,  das   da  noch  ein   zweiter Polizist   mit dabei war.  Ich hatte hauptsächlich   den  einen, der  auch die Verhaftung durchführte,   in meine rErinnerung. Es  war  wohl für  beide Hilfspolizisten eine schwere und peinliche Aufgabe,  denn man  kannte sich  ja schon   seit  Jahrzehnten und   sprach Plattdeutsch miteinander. Die Schwere seiner Aufgabe war Hilfspolizisten Kr. auch anzumerken
Es wurden zu der Zeit, im August 1944 mehrere bekannte Westerländer  verhaftet.

Auch an die Postboten der damaligen Zeit möchte ich erinnern.  Diese   hatten    nämlich nicht immer leichte Aufgaben zu erfüllen. Wenn Briefe (Feldpostbriefe) vom Mann oder Sohn zu überbringen  waren, war das gewiss eine freudige Angelegenheit. Die Postboten waren   meistens   weiblich  und zu  diesem  Dienst  vom  Staat verpflichtet  worden.
Wenn aber die Gefallenenmeldungen gebracht werden musste, dann war  das  gewiss  ein  besonders schwerer Gang.  Ich weiss, dass eine Nachbarin von uns,  die  als  Postbotin verpflichtet war, meiner Mutter mal erzählte,   das sie es einfach  icht über das Herz brachte, so eine Gefallenenmeldung bei Frau X abzugeben. Am nächsten Tag musste sie dann doch den schweren  Gang   machen.  Viele  Frauen mussten  im Krieg auch reine Männerarbeit   machen.  Die   Männer waren  ja meistens  zum  Militär eingezogen worden.  Anfang  1944   bekam ich  mit  mehreren Syltern  nach der    Wehrtauglichkeitsprüfung in  Schleswig meinen Wehrpass.



Anfang Dezember 1944 kam dann eine Einberufung in das RAL (Reichsausbildungslager).   Wir waren drei Westerländer: Harald Koopmann,  Harald Voigt und ich.  Wirs   ollten uns am 8. 12. 1944 um 9 Uhr in Hamburg - Altona melden. Dort  angekommen, war aber keiner da, der uns weiterhelfen  konnte.

Nach stundenlangen  Suchen,  fanden  wir andere, zukünftige Kameraden, die Bescheid wussten.   Am 9.12.1944 waren wir dann auf der Fahrt nach Dresden und von dort aus weiter  nach  Bernsdorf / Oberlausitz.  Gegen Mitternacht  kamen wir dort an.Wir wurden  dort  auch von keinem abgeholt. Des   Wartens überdrüssig,  machten  wir  uns  dann auf den Weg durch die leeren Strassen. Wir sprachen   einen Offizier  an,den wir trafen, und fragten nach einem RAL. Von einem   RAL war ihm in   dieser   Gegend  nichts  bekannt. Aber draussen im Wald, wäre   ein HJ -Lager und   da  würden wir wohl erwartet werden. Nachts gegen   02.30 Uhr  kamen wir dann in  diesem Lager an. Die genannten Daten habe ich  freundlicherweise aus dem   Tagebuch  von  Harald Koopmann entnommen. Dieses   hat er von Anfang  unserer Einberufung  an  mit  vielen Details geführt.Er hat die Aufzeichnungen  sogar nach mehreren  Jahren in tschechischer und   russischer Gefangenschaft  mit nach  Hause gebracht. Als wir im Lager ankamen, wurde uns auch dort kein Empfang bereitet.Wir   mussten  erst  durch Klopfen an die Fenster auf uns aufmerksam machen. Dann  ging man  endlich  bei  und hat uns in verschiedene Stuben untergebracht.Aber  die Stuben  hatten weder Decken noch Betten, und es war hundekalt. In  meiner Stube war glücklicherweise  ein  Ofen drin.


Es kam dann einer in Uniform und Unteroffiziers-Litzen auf   der Schulter  mit einer Handvoll Holz zu uns rein. Wir machten wie gelernt,  Meldung.
Der nahm unsere Meldung aber gar nicht soldatisch entgegen, sondern  machte  Feuer  im Ofen. Da erfuhren wir dann auch, dass wir in einem OT-Lager   gelandet  waren. OT heisst Organisation Todt.

Das war so eine Art  technisches  Hilfswerk. Die OT baute auch Befestigungen   usw.. Hier  sollte eine Werkstatt fürPanzer errichtet werden. Morgens  beim Antreten und Begrüssen sagte man uns,  dass  man sich freue,  dass  wir endlich da wären, denn man hatte schon länger auf die HJ gewartet,  um mit Mauerkelle das Werk aufzubauen. Unsere Gesichter wurden immer länger,denn  hier lag ein ganz klarer Irrtum vor. Nach einigen Telefonaten klärte  sich dann auch alles auf.

Wir wurden dann nach einigen Hin und Her in einen Zug Richtung Breslau geschickt. Gegen Mitternacht kamen wir 15- und 16 jährigen in Breslau an. Von Breslau sollte es dann um 04.00 Uhr morgens weiter nach Mähren- Weisskirchen gehen. In Breslau bekamen wir strenge Order, nicht in die verlassenen  Häuser zu gehen, erinnere ich mich. Breslau war wohl schon  ziemlich von  der Bevölkerung verlassen.Alles war dunkel und unheimlich.  Ich war   aber  trotzdem mit einigen Kameraden in einer verlassenen Wohnung.   Denn so  jung wie  wir waren,  war  man natürlich auch neugierig. Die Wohnung  war  so akkurat  verlassen  worden, als wären dieBewohner nur   zum Einkaufen   gegangen. Die Betten waren  frisch  bezogen und gemacht usw.  Den grossen  Küchenwecker  auf  dem  Küchenschrank habe ich auch  noch  in Erinnerung.

"Dann jagen wir  den Russen  bis zur Wolga".

Am nächsten Tag, es mag gegen Mittag gewesen sein, kamen  wir in Mährisch - Weisskirchen an. Da holte uns wieder keiner ab.  Wir  hatten  so langsam alle die Schnauze voll. (Es wäre gewiss  ein  guter Einfall gewesen,  wenn wir da alle nach Hause gefahren wären.) Nach  einer  gewissen  Wartezeit kam einWagen mit einem Zivilisten vorbei.  Er teilte uns  mit, das  das  Lager noch nicht fertig eingerichtet sei und  wir  so  lange  in  Ollmütz  (Olomouc?)  untergebracht  würden. Dort  angekommen,   wurden  wir  in  einer  Schule  untergebracht. Bis  wir  etwas zu essen  bekamen,  dauerte es  noch  eine  Weile . Betten  waren auch  da nicht. Wir mussten  auf  dem  Boden campieren.  (Das  war  in  der Adventszeit)  Weil unser  Lager  noch  nicht  fertig organisiert   usw.  war,   kam  die  tolle Nachricht, dss  wir  erstmals Weihnachtsurlaub  bekamen  und  nach  Hause fahren  konnten.
Weihnachten 1944  habe  ich nicht mehr in voller Erinnerung.  Am  28. 12.1944  ging  die Reise schon wieder nach Mährisch - Weisskirchen los. Nach unserer Meldung auf der Dienststelle wurden wir im Haus, "Puschner" eingewiesen. Auf unserer Stube waren Harald  Koopmann  (Sylt),  W.Barg,   H.H.Koberg,  Jung,  ein Pinneberger  und  ich. Harald Vogt (Sylt),  der  vorher  mit  unswar,  konnte  zu  Hause bleiben und einer Einberufung  zum Arbeitsdienst  (RAD)  auf Sylt folgen.  Der  hatte  somit  Riesenglück, denn  uns  erwartete   noch  so einiges. Unser Zugführer  war Uffz  Stössel.  Unser Stubenältester  war Harald Koopmann. Stubenscheuern  war  unser  erster Dienst, Abends  wurden  die  letzten  mitgebrachten Kuchen von  zu  Hause  aufgegessen.  Das war dann auch das Jahresende 1944  für  uns.


Weisskirchen ist ein hübscher Ort mit mehreren Hochschulen. Bad  Teplitz mit seinen  hübschen Hotels gehörte auch dazu.Es kehrte  endlich  eine  gewisse  Regelmässigkeit  in unser Dasein ein. Es begann  ein  strammer  militärischer Ausbildungsdienst. Aber darin hatten  wir  ja  auch schon  einige  Erfahrungen. 

Viel  Geländeausbildung von  der Panzerfaust bis  zum  MG 42 usw.  Auch Spähtrupp  und Nahkampf war dabei. Wir wurden  perfekt gemacht.   Am18.01.1945 wurden  wir  nach Luhacowitz ins Lager 7 verlegt. Da  war die  Ausbildung noch  gründlicher. Geländeübungen  im  Schnee  mit  unseren Winterklamotten  war  kein Vergnügen. Die Front kam schon   bedenklich  näher. Es  hörte sich von unsaus wie  ein    nahendes  Gewitter  an. An   den  Strassen wurden  von der OT Panzersperren  und  Gräben zur  Verteidigung gebaut. Es  wurden  vor allen Dingen Nachtwachen von  uns gestellt.  Notfalls wollte  man uns mit Waffen ausrüsten. Wir waren ja immer noch bei der  HJ   und  keine Soldaten. (15 und16Jahrealt). 


Die Begeisterung war  trotzdem  noch  sehr gross. Jeder  von uns  wäre blindlings  in den  Tod gerannt.  Die  Propagandaschule,  Ausbildungslager usw.  hatten  das  ihre getan.  (Die Erkenntnisse kamen erst  später.)  Wir  gehorchten nur Befehlen.  (Auch Minderbegeisterete) Es blieb  uns ja auch gar keine andere  Wahl. Wir dachten  eben, das sei   alles richtig.  Es  herrschte sogar  der Gedanke, wenn  der  Russe kommt, dann jagen wir ihn zurück bis  zurWolga. Die  jungen Tschechen  verhielten sich uns gegenüberabsolut distanziert.Wir  hätten  natürlich gerne mal mit den hübschen Mädchen  geflirtet.  Aber die waren uns  gegenüber  eiskalt.  Nicht mal diezehn  oder  zwölf jährige Tochter unserer Hauswirtin liess  sich  ansprechen.

" Der Führer hat euch
schon heute zu den Waffen gerufen"

Am 08. 03. 1945  war  das  Lager  und die  Ausbildung  zu  Ende,  und  wir sollten  wieder  nach  Hause. Das Gefühl lässts ich nicht überliefern, das musste man erlebt haben. Bannführer Moritzen  nahm  die Meldung des Ausbildungslagerabschlusses mit 1400 HJ - lern  entgegen.  Da sagte er dann:"Der Führer hat euch schon heute zu denWaffen gerufen!"   Wir  würden   geschlossender Waffen SS übergeben werden. Vorher sprach er noch davon,  dass  Deutschland in höchster Gefahr wäre.

Wir wurden dann aufgeteilt. 200 Mann nach Wien, 50 Mann   Panzernahkampfbrigade  nach  Berlin,  der Rest auf den Truppenübungsplatz  Beneschau bei Prag. Nach  dieser   Nachricht gab es natürlich lange Gesichter und wohl auch so manche  heimliche Träne. Da war natürlich nichts  mehr  mit nach Hause fahren und dann  noch zur SS.

Denn soweit ich mich erinnern kann,  hatten  alle bereits einen Wehrpass  für  das Heer, die Marine oder die Luftwaffe. Die SS hatte uns im wahrsten Sinne des Wortes ohne eigene Zustimmung einfach kassiert. Man  lud  uns dann in  Waggons in Richtung Kienstlag. Beim Aussteigen in Kienstlag sahen wir  lauter  SS  Uniformen. Schon auf dem Bahnhof wurden wir in Kompanien aufgeteilt.


Harald Koopmann und ich blieben in einer Kompanie. Dann ging  es in  die  Quartiere.Tschechen gab es kaum noch auf dem Truppenübungsplatz. Es war alles  verlassen  und  grausam  öde. Zu allem Überfluss hatten  wir  auch  noch  einen Schneesturm.  Wir lagen in dem Dorf   Networschitz  in einem  kleinen  Tal.   In der ehemaligen   Lederfabrik  war  eine Grossküche  eingerichtet.  Ein   Kino  gab  es  da  auch  noch.

Das  war  ständig   mit  Soldaten überfüllt.  Wir  kamen    mit  unserem  Zug  in  die   ehemalige  Schule.   Da  waren Doppelbetten  in  den  Klassen  aufgestellt. Harald   Koopmann  war  in einem anderen  Zug und   nicht   bei  uns.  Bei mir  im Zug   waren  Leute   aus  allen Ecken Deutschlands. Am   nächsten   Morgen  gab es  schon    Gewehre.   Das   Eintätowieren der  Blutgruppe   unterm   Arm  liess  auch nicht lange auf   sich warten.  Ausgebildet  wurde noch  in HJ   Uniformen.  Es  war  ein unwahrscheinlich  harter  und   erbarmungsloser Schliff   dort.  Es  wurde  das  Letzte bei der  Ausbildung  aus  uns  herausgeholt.   Am12.03. 1945    marschierte das   ganze Regiment  zur   Verteidigung  auf.

Der   Kommandant   hielt  eine  Ansprache   und liess  durchblicken,   das  wir  an  der Front  eingesetzt   werden sollten.   Unser  Regimentnannte  sich:  "Konepacki,  Kampfgruppe   Böhmen  SS   Division   Hitlerjugend".   Man  nahm uns   auch  die Wehrpässe  ab.

Da  kam  dann   auf   irgendeine Seite der Stempel  der   SS mit unserem Namen  und unserer   Einheit   rein. Unsere  Ausbildung  ging   erst   noch  weiter.  An die  Panzerbekämpfung  kann  ich  mich noch genau erinnern.   Wir  sollten  mit   einer Tellermine   auf   einen schnell  fahrenden  Panzer springen   und  eine  Haftmine   am Turm  befestigen.  Das war  gar  nicht  so  leicht   wie sich  das anhört,   denn  man  wollte  auch nicht  in  die Ketten   kommen. Am 30. 03, 1945 war eine Grossübung. Zwei Tage waren wir unterwegs.  Wir haben feste mit Platzpatronen geschossen. Es spielte sich alles in einer   einmalig schönen  Gegend ab. Aber für solche Betrachtungen war nicht  viel   Zeit.  Danach,  wie der imQuartier wurden wir Feldgrau eingekleidet. Abends  wurde  der  Ort  in Alarmbereitschaft  gesetzt, keiner durfte den Ort verlassen.   Jeden   Moment  konnte der  Befehl   zum  Abmarsch  kommen. Wir bekamen auch scharfe Munition ausgehändigt. Am 05. 04. 1945, 16.00 Uhr kam der Befehl zum Abmarsch. Vorher gab  es  noch  mal  Essen . Dann nahmen wir Waffen aller Art und die Notverpflegung   in Empfang.
 


Unsere Ausbilder blieben unsere   Vorgesetzten.   Es waren  zum   Teil    hochdekorierte  Leute,  wie  Ritterkreuzträger,  dabei. Mit  diesen Leuten war es besonders leicht   auszukommen. Die hatten ja auch einiges an Schlamassel mitgemacht.

Schlimmer waren die Fahnenjunker.  Diese waren zum Teil unsere Gruppenführerauch,  fanatisch  und ehrgeizig. Unser Spiess, der auch mit zur Front kam,   hatte   sich während unserer Ausbildung mit seinem fast krankhaften Drill  mehr   als unbeliebt gemacht.Wir wurden auf LKW mit Holzgasantrieb verladen   und fuhren  so schwer beladen in Richtung Front. Die Fahrt ging durch Böhmen,  Niederdonau  über  Znaim  Richtung Krems. Am07.04. 1945 abends bei   Krems   a.d. Donau wurden  wir in  die  Frontlinie eingereiht.   Wir mussten uns  eingraben.

Der Blick über die Donau war herlich. Drüben sollte schon  der  Russe  sein. Ich habe aber keinen gesehen.Es fiel auch kein Schuss.  Neben   uns  lag eine  Einheit  von ehemaligen Flak Soldaten (nurInfanteri).   Das waren   grösstenteils  ältere Leute. Als sie uns sahen, schüttelten   sie den Kopf und sagten:"Jungs,  geht bloss nach Hause". Darauf wurde uns   strengstens    verboten  mit  denen  zu sprechen.   Am Tag wurden wir aus den Löchern   zurückgezogen.  Nachts   ging  es wieder rein. Das ging in völliger Ruhe  einige Tage gut.Am 16.04. 1945  mussten wir wiederin unsere Autos   steigen   und  fuhren Richtung Osten.  Bei  einem  Dorf  südöstlich Lan a.d.  Thaya   mussten  wir  uns  als zweite  Linie  wieder  eingraben.  Ich hatte   mein Loch mit  meinem  Kameraden noch   nicht   halbfertig, da wurden  wir   von   unserem  Zugführer (freiwillig) eingeteilt,   einen  schwer  verwundeten  Soldaten einer  anderen  Einheit   nach   hinten zu tragen.  Wir waren vier   Mann  zum  Tragen.  Die Trage  bestand  nur   aus  einer Wolldecke. Diesem Soldaten  war   das  ganze Bauchfell weggerissen worden  .Zum   Teil  konnte man die Eingeweide   schon   sehen.   Aber er lebte noch. Er  war   aber   mehr ohnmächtig  als wach.Wir  konnten  auf  unserem  Weg voll vom Russen   eingesehen  werden,   aber es fiel  kein  Schuss  in   unserer Richtung. Auf dem  Rückweg   wurden  wir  dann aber sogar  von  Granatwerfern  beschossen.
Wir vier kamen aber wieder wohlbehalten bei unserer Kompanie an.
Das war allerdings unsere erste, äusserste kräftige Feuertaufe. Wir wurden nochmals auf dem Gelände neu verteilt. Mit zwei Gruppen lagen wir links neben der Strasse, die in ein kleines Dorf führte,  auf  halber  Höhe eines Abhangs (Weinberg) in Stellung. Einige Kameraden   und  ich   lagen in  einem  Hohlweg.  Nach oben hin durch eine ca.2 m hohe Erdkante   geschützt.   Rechts  von uns,  ca. 15 - 20 m weiter,  wo die anderen Gruppen  lagen,   hatte   der  Weg  keine schützende Kante nach oben mehr.   Da  spielte  sich  dann   die   nächste  Nacht  eine Tragödie  ab.   Denn  oberhalb,  ca.30 m entfernt  von uns,   hatte  sich  ein russisches  SMG  (Schweres Maschinengewehr)  eingenistet.   Dieses  SMG  hat  in  der Nacht fast die ganze Gruppe samt Gruppenführer   getötet. Was  richtig  los  war in der Nacht,  konnten  wir wegen  der tiefen   Dunkelheit  aber  nicht  feststellen.  Wir, die in derVertiefung des Weges   standen,   waren  vor  den  MG-Salven, die von oben kamen, absolut sicher. Bis zum  Morgengrauen   war  das  russische MG ausgeschaltet. Wir mussten uns um   die verwundeten Kameraden,  die rechts  von uns gelegen hatten kümmern.  (Meist Hackenschüsse).   Es   hatten,  wie  bereits erwähnt,  nur  wenige  überlebt.  Auf  der  anderen   Seite  der  Strasse,   hinter  einem  Hügel,  vom  Dorf  nicht  einsehbar, lag   unsere  Restkompanie.  Man  teilte  uns  mit, dass  wir  auch dahin kommen sollten.
Dazu  mussten  wir  den   Abhang  runter und  die  Strasse  überqueren,  die voll  von  den  Russen  im  Dorf einsehbar  war. Zu allem  Überfluss  war da  ein  dichtes Gestrüpp  (Hecke)  vom Hohlweg  aus,  das nach  unten   mit Anlauf  übersprungen werden musste  (inkl.Gepäck!!)  Alle  kamen  auch ohne  getroffen  zu  werden,   gut rüber. Ich  blieb beim Sprung  in  der  Heckenkrone  hängen und zappelte  da  oben  wie ein Ertrinkender rum.  Ich  sah  auch  von da  oben ein russisches MG-Nest  etwa  auf  halber Strecke   zwischen  Dorf und   uns.  Glück für mich,  die Russen  waren  alle tot. Nach vielem  Zappeln  kam  ich  dann  doch frei. Solche  Erlebnisse vergisst  man  nicht. Unten bei  der  Kompanie hiess es  dann, wir sollten bald das   Dorf  angreifen. Auch  diese  Zeit davor  bleibt  unvergessen.  Das  sind schlimme Stunden und  Minuten vor  einem Angriff. Das  Warten  ist  nervtötend.   Das Dorf einzunehmen  war   gar  nicht  so  schwierig, wie vermutet. 

"Als es hell wurde,  sah ich, das das  Gewehr rot vom Blut war"

Wir  hatten  allerdings  viel Schwierigkeiten  mit  unserer  Gewehrmunition. Es   waren  lacküberzogene  Eisenpatronenhülsen und die  klebten  nach   einem   Schuss immer  einen  kurzen Augenblick  im Gewehrlauf   fest.


Das  war   nicht gerade  beruhigend.  Im Dorf  durchkämmten  wir  dann  alle  Häuser,  Scheunen   usw.  Auf  der   Strasse  lag ein  toter russischer Offizier  mit  gespaltenem  Schädel.  Dem   nahm  ich  die Pistole  ab.


Da  kam  ein  deutscher Wehrmachtsoffizier  auf mich  zu  und   verlangte  die Pistole.  Ich  hatte  auch  so  genug  zu  schleppen.  In  den  Häusern  war  sehr viel  geplündert  worden.

Ein  Russe  wurde  noch  von  einem anderen  Zug bei  einem  Überfall  und der  Misshandlung  einer  Frau  erwischt. Den  hat  man  gleich  erschossen.  Ich hätte  beinahe  eine  deutsche  Frau erschossen.  Aus  einer  von aussen  verriegelten  Kellertür  sah  ich,  wie jemand  durch  ein  Loch  in  der Tür  von  innen  auf  mich  zielte. Ich  habe  sofort  geschossen. Gott  sei Dank  daneben,   denn   es  war  eine Frau  mit  einem  Stück  Rohr, die  sich  nur  bemerkbar   machen   wollte. Die erzählte  uns,  dass  der  Russe  auch einige Frauen  mit   genommen   hätte.  Ich selbst bin  einem  Russen  im  Gefecht nie so nahgewesen,  dass  ich  das  Weisse  in den Augen hätte  sehen  können.
Auf  so  einen  dann  schiessen  zu müssen,   hätte  mich  wohl  doch  einige  Überwindung  gekostet.
Aber  die  ständig  sich  überschlagenden  Ereignisse,  als  auch   neue   Eindrücke,  liessen  uns  nicht  viel  Zeit  zumNachdenken.  Wir  haben  uns   auch bald  wieder   aus  dem  Dorf  zurück gezogen.  Stellungswechsel   war  sowieso oft. Die  Russen   waren   halt  nicht aufzuhalten  gewesen  und  unser   Haufen  wurde   immer  kleiner.  Nach  dem Absetzen versammelten  wir  uns  meistens  zum  Zählen.  Einmal  weis   sich, fehlte  einer  aus  unserem    Nachbarschützenloch.  Unser   Zugführer meinte,  dass  wir  versäumt  hätten, den  Befehl   zum   Absetzen  weiterzugeben,  wir waren  mit    unseren   Löchern auf  Rufweite  auseinander.   Na  ja, ich  bekam  den Befehl,  Kamerad  X zu  holen.  
Vielleicht  war  er  eingeschlafen  in seinem  Loch.  Alleine  zurück   ohne  zu  wissen,  ob  der  Russe  schon da  ist !   Und das  im  Halbdunkeln.  Als   ich  angekommen  war,  entdeckte ich,  das  Kamerad  X  tot  war.  Als  es  hell   wurde,  sah ich,  das das  Gewehr  rot  vom  Blut  war. Ein  anderes  Erlebnis.  Einer  unserer Gruppenführer  (Fahnenjunker),  ohne Auszeichnung,  unterhielt   sich  mit  unserem  Zugführer. (Die  waren  miteinander  befreundet).  Der  Zugführer  war   hochdekoriert!   Der  Zugführer  übergab  dem  Junker   einen  Brief  und  sagte:  "Ich   glaube  nicht, dass  ich  hier herauskomme.  Wenn  ich  falle, gib  bitte  diesen Brief    meiner   Verlobten".  Aber ich  hörte   weiter,  dass  der Junker zu  gerne  das  EK 1  mit  nach Hause  gebracht  hätte.   Da   durfte der Junker  sich  dann  Freiwillige  für eine Art Spähtruppaussuchen.    Davon waren,  als er  zurück  kam,  mehr tot,  als  er gefangene  Russen  mitbrachte.  Ob  er  dafürdas  EK 1 bekam,   kan   ich  nicht  sagen. Das ich  dieses  Gespräch  mitbekommen   hatte,  war  beiden  sicher höchst peinlich. Leider, leider  weiss  ich  die Namen  der beiden auch  nicht  mehr.

Ein Loch war "Küche, Klo und Schlafzimmer"

Ich  habe  sehr  viele  Daten  und Orte  vergessen.  Diese  konnte  ich aber   von meinem  ehemaligen Kriegkameraden Harald  Koopmann aus seinem exakt  geführten  Tagebuch  entnehmen, das er,  wie  schon  erwähnt,  trotz Krieg  und Gefangenschaft  mit  nach  Hause durchbringen konnte.   Dafür  bin  ich ihm  sehr dankbar. Sicher  hatten  viele  Soldaten  ähnliche Erlebnisse.  Aber  da  wir  zu  der   Zeit erst 15  und  16  Jahre  alt  waren, wollte ich  das  schon  immer   festgehalten  haben. Leider  weiss  ich  den  Namen meines  Kameraden, der  mit   mir  in dem Schützenloch  lag, auch  nicht  mehr. Da  lagen  wir  zu zweit   in  dem Loch,   welches  Küche, Klo und  Schlafzimmer war.  Ständig   unter Beschuss von  Scharfschützen  und  MG  mit Explosionsmunition.  Einmal   schoss  sich  ein Granatwerfer  auf  unser  Loch  ein.  Drei  Schuss auf uns.  Rechts,  links  und  2  m hinter unserem  Loch.   Der  nächste hätte uns treffen  müssen.
Aber  es  kam  keiner  mehr.  Sterben ging  schnell  zu  der  Zeit.  Ich hatte   mal   mein  Kochgeschirr  auf die  Lochkante gestellt.  Es  machte  nur kurz  "peng"   und   weg   war es.  Unmittelbar  vor  unserem  Schützenloch  ist  auch  unser
Spiess  gefallen.  Man  munkelte  aber bei  uns,  dass  er  versehentlich  von  eigenen  Leuten  erschossen  worden sei.  Er hat  sich  angeblich  mit offenem   Mantel  und  ohne  Kennwort nachts  auf  die  Löcher  zubewegt.  So ähnlich   liefen   auch die  Russen  voran.  Wir  müssen  wohl  ganz  schön verdreckt   gewesen   sein,  denn  an Waschen  und  Wäschewechsel war  nicht  zu denken.
Ich  träumte  in  meinem  Schützenloch  oft  davon,  einmal  wieder   in   einem richtigen  Bett  zu  schlafen.  Ich wollte,  weiss ich  noch  ganz   genau,  immer   einmal  gerne  wieder  das Geräusch  einer  bestimmten  Tür  von  zu  Hause   hören.  Dann hiess  es  mal  wieder  nachts,   "wenn  eine grüne   Leuchtkugel   erscheint:   Rückmarsch!"   Es  wurden  viele  Leuchtkugeln abgeschossen   in   dieser  Nacht,  aber eine  grüne  haben  wir nicht  gesehen. Es  wurde  schon   wieder  hell  und noch immer  gab  es  keinen  Befehl zum Abrücken.
Die  Russen  schossen  aber  auch  nicht mehr.  So  verhielten  wir  uns  ruhig  bis  zum  abend.   Dann  merkten wir,  dass alle  links  und  rechts  von unserem   Zug  abgerückt  waren.  Wir hatten  glücklicherweise  einen  erfahrenen  Zugführer.   20,   vielleicht  30  Soldaten  mögen  wir  gewesen  sein.  Wir  konnten  die  Russen  rechts unten,  vielleicht  zwei  Kilometer weg,   mit   ihrem  LKW  fahren  hören. Die  dachten  wohl,  dass  wir  alle  weg  waren,  sonst  wäre  es uns  wohl  dreckig ergangen.  So  sammelten wir  uns  um  unseren   Zugführer  und marschierten   auf  Schleichwegen  (nie  auf Strassen) los.  Wie  uns  wohl  zumute war:   Aber  das   Vertrauen  in unseren  Zugführer  war   gross.
Wir  mussten  ja  auch  Ortschaften,  offenes  Gelände  usw.  umgehen.  Wir sind  ohne  Kompass,  Karte  oder anderen Hilfsmitteln  marschiert.
Irgendwann  stellten  wir  aus  irgendeinen Grund  mit  einem  riesigen  Schrecken fest,  dass  wir  uns  hinter  den russischen Linien  befanden.
Wir  waren  also  genau  in  die verkehrte  Richtung  gelaufen.  Es  könnte  zwei  Tage  vorher  gewesen  sein, dass  wir  da falsch  marschiert  sind. Der   Magen    hing  uns  in  der Kniekehle.  Aber  die  Angst  entdeckt  zu  werden,   trieb   uns voran.  Ich weiss  nicht  mehr,  wie  lange  wir gebraucht haben,  aber  wir  hatten  es tatsächlich  geschafft  mit Gewaltmärschen  und ohne  Essen   durch  die  russischen Linien  zu  kommen.  Wahrscheinlich  hatte der  Russe  sich   auf den  Strassen  gesammelt,  um  weiter  zu  marschieren, und  wir  sind  mit   unheimlichen  Glück durch  die  Lücke durchgekommen.  Wenn  wir versucht  hätten,  durch  eine  kämpfende Einheit  oder  Front  zu  kommen,  wären  wir wohl entdeckt  worden.  So  kamen wir  dann erst  mal  in  ein Niemandsland   hinein, denn  die  deutschen  Truppen   hatten  sich wohl  schon weiter  abgesetzt.  Da  kamen wir  dann in  eine  Stadt   rein,  die total verlassen  und  dunkel  war.         ( Name ? )  Wir  zogen  nun los, um   Verpflegung  zu  ergattern. Tatsächlich  fanden  wir  ein  grosses Verpflegungslager   der Wehrmacht.  Es wurde  von  einem   Soldaten  (vielleicht auch  Offizier)  bewacht.  Der  hatte  sich  die  Adler Schulterstücke   schon alles  runtergetrennt.   Der  Haken  war nur,  dieser  Mann  wollte  nichts   an uns  herausrücken. Unser   Zugführer   sagte:  "Jungs,  Ihr geht  mal  bis zur  nächsten  Ecke". Dann krachte   ein   Schuss,  und  das Verpflegungslager stand  uns  zur  Verfügung.  Unser   Zugführer  hat  uns  nie  erzählt,  dass  er den  Mann  erschossen hatte.  Wir  haben dann  gegessen,   was  nur  hineinging. Ich  hatte  Schmalz  mit  Händen  gegessen.   Durchfall  und Magenverstimmung  waren garantiert.
Dann  ging  es  nach  kurzer  Zeit und  voll  bepackt  auch  schon  wieder weiter.
Wie  lange  wir  brauchten,  weiss  ich nicht,  aber  wir  fanden  bei  all diesem   Durcheinander  tatsächlich  unsere Einheit - oder  was  davon  übrig   war -wieder.   Nach  dem  Tagebuch  von Harald   Koopmann  waren  es  ca.  16  Mann.  Mit  uns zusammen   war  es  wohl knapp  eine  Zugstärke.  Dieses  muss ca.  Ende   April  gewesen   sein.  Wir mussten  noch einige  dramatische  Gefechte durchstehen.   Man hatte  uns  auch neu  aufgeteilt.  Aus  mehreren ehemaligen Kompanien wurde   eine  gemacht.  Verwundete blieben  mitunter  einfach  liegen.  Einen aus unserer   Gruppe  mit   total zerfetzten Bein, hatten wir  schon  eine ganze  Weile  getragen. Da sahen   wir, als  wir  uns  nach hinten schauten, etwa  zwei Kilometer  entfernt  über einen Weinberg  schon  russische  Soldaten kommen. Es  fuhr  ein  Wehrmachtsoffizier   vorbei.
Den  hielten  wir  an  und  fragten, ob  er  nicht  den  Verwundeten mitnehmen   konnte.  Er  verneinte  aus irgend  einen vagen Grund.  Wir  mussten diesen  Jungen,   vielleicht nicht  einmal 16  Jahre  alt,  auf   Befehl unseres  Zugführeres   liegen  lassen. Der Zugführer,  erinnere  ich  mich,   gab dem Jungen  seine   eigene  Pistole.  ( Alles Wahnsinn)  Aber  zu der  Zeit  hatte  man gar keine   Zeit  viel  nachzudenken.  Dann war es  auch  höchste  Eile,  dass  wir da  verschwanden.
Dieses  passierte  in  der  Nähe  von  Zneim  ( Zuojmo ).  Wir  marschierten   in der  Kolonne  und  wurden  von  LKW und Pferdefuhrwerken  des  Trosses  laufend  überholt.  Wir  zu  Fuss  waren  alle restlos  fertig.  Einige,  ich  auch,schliefen   sogar   beim   marschieren  fest ein.  Ich  fragte  den  Zugführer,  ob ich  und   noch   vier  Mann  mit dem  Panjewagen  ein Stück  voraus  fahren dürften.   Das   wurde  uns  unter  der Bedingung  erlaubt,   im  nächsten  Dorf auf  unsere   Einheitzu  warten.   Das taten  wir  dann auch.
Es  wurde  Abend  und  langsam  dunkel, aber  unsere  Einheit  kam  nicht.  Es  war   unheimlich  diese  Ungewissheit. Das Dorf  war  auch  restlos  verlassen.   Wir  holten  uns  aus  einem  Haus  einen  Küchenwecker  und  schoben am  Dorfeingang  Wache.  Es  war  noch dunkel,  da  hörten  wir  Panzergeräusche.
Unsere  Nerven  waren  zum  Zerreissen gespannt.  Wir  liessen  den  ersten  Panzer  vorbei.  Beim  zweiten  waren wir sicher,  dass  es  deutsche  Panzer waren,   beim  dritten  machten  wir uns  dann  bemerkbar.  Der  hielt  dann glücklicherweise  an  und  nahm  uns mit.
Es  waren  Königstiger,  riesige Kolosse.  Erstmal  war  es  schön  warm durch die   Motorwärme,  und  wir  konnten  und  auf   dem  glühenden Auspuff  Bratkartoffeln  machen.

Die  Panzerbesatzung  erzählte  uns, dass  der  Russe  alles  eingekesselt hatte. Bei  unserer  Fahrt  vorher  mit  dem Panjewagen  kam  ich  auch  an  Harald  Koopmann  vorbei  und  sagte  zu ihm: "Komm  doch  mit  bis  zum  nächsten  Dorf!"    Aber   er  wollte  nicht.  So  wurde  er  auch eingekesselt und  kam  in Gefangenschaft. Wir  fuhren  mit den  Panzern  immer weiter  in  Richtung Westen.  Auf diesem   Weg  mit   den  Panzern konnte  wir  erleben,  dass  die  russischen Flugzeuge  beim  Angriff   auf  die  Rückzugtrecks (Pferdefuhrwerke,  LKW  und viele   Menschen )  ganze  Arbeit  geleistet  hatten. Es  waren  auch  viele  Flüchtlinge dabei.  Es  brannte  noch  in  dieser  kilometerlangen  Kolonne.  Der  Geruch von verbrannten  Menschen  und  Pferden  hatte  ich  noch  zwei  Jahre  nach Kriegsende  in  der  Nase.  Die  Panzer mussten  nach  und  nach  gesprengt werden,  weil  der  Sprit  alle  war.

So  fuhren  dann  alle  Mannschaften  zuletzt  auf einem  Panzer.  Das  wurde  natürlich   eng.  In einem voll  mit  Wehrmacht  besetzten  Dorf   mussten  wir  dann  auch  runter.  Irgendwie  konnten  wir  uns  dann  auch  Marschbefehle  beschaffen. Versprengter Ausweis

Ohne  diese  wurde  man  an  dem nächsten  Baum  aufgehängt,  wenn einen die  Feldgendarmerie  erwischte.  Solchen Aufgehängten waren  wir   auf  unserem  Weg  schon genügend  begegnet.  Irgendwie  kam  ich dann  mit   mehreren Soldaten  auf  einem LKW  mit.  Es  mussten  immer  mehrere  Soldaten   zusammen  sein,  denn   wer Tschechen  in  die Hände  fiel  oder den  freigelassenen   ehemaligen  KZ- Häftlingen hatte  nichts  zu  lachen.
Diese liessen dann ihre aufgestaute Wut an den Leuten aus.

Mit einemMal  war der Ami auf dem Hof

Alle  von  der   SS  kamen  zuerst  mal  in  ein  grosses Sammellager m  ( ca. 10 000 Mann ) auf  eine grosse  Wiese.   Nichts  zum  Essen  und keine   Decken.  Nachts  war  es hundekalt. Unsere  Toilette  war  ein   langer Graben   mit  einem  Baumstamm  darüber zum  Sitzen.

Einen  Marschbefehl,  weiss  ich  noch, bekamen  wir  in  einer  Stadt,  wo auch  eine  hübsche  Burg  gelegen  war. Dort feierten  eine  Menge  ( auch )   hoher Offiziere  eine   wahre  Alkoholorgie.  Einer hatte  wohl  Mitleid  mit  uns,  obwohl wir zur  SS  gehörten,  und  stellte uns  den  lebenswichtigen  Marschbefehl  aus. In  einer  offenen  Scheune  war  ein  langer   Tisch  aufgestellt.
Auf  diesem  Tisch  tanzten  Frauen, urinierten  sogar  in  Sektgläser.   So  etwas  Wildes  habe  ich  in meinem  ganzen Leben nicht  wieder  gesehen. Wir   waren  wohl  richtig  geschockt. Wir  waren  ja  auch  noch  so  jung  und nicht  mal  richtig  aufgeklärt.  Wir  sind  auch  bald  nach  diesem Burgbesuch  weiter   nach   Westen  gefahren. Irgendwie  kamen  wir nach  mehreren Abenteuern,  die  ich   im   Detail nicht  mehr  im  Kopf  habe,  in  der  Nähe  von  Kamp  zum Amerikaner.  Dort   mussten  wir  an  so  einem LKW  vorbeifahren  und  unsere  Waffen auf  diesen   werfen.   Ich  warf   mein Gewehr drauf.  Aber  in meinem  jugendlichen Leichtsinn   behielt   ich meine   08  Pistole  in  meinem  Brotbeutel bei  mir. Dass  war  eigentlich   tödlicher Leichtsinn.  Meine  vier  Kameraden  hatte ich  schon  vorher  aus   den  Augen verloren. Es war   ein grosses Lager im Freien. Meine SS -Runen   usw. hatte ich   schon   vor   derGefangenschaft   abgetrennt.Im Lager kam dann die Parole auf, dass   das  Lager   geschlossen  den Russen übergeben  werden   sollte.
Da  habe  ich  meine  Siebensachen unter den  Arm  genommen  und  bin aus  dem  noch  schwach  bewachten Lager rausgeschlichen.   Dabei lernte  ich einen  Niederländer  und  einen Hamburger  kennen,  die  die  selbe  Absicht hatten. Wir sind  nachher  nur  nachts  marschiert. Abends  versuchten  wir,  etwas  zu  Essen bei den  Bauern  zu  ergattern.  Das klappte auch meistens  ganz  gut.  Ich hatte  zu allem Überfluss  auch  noch so  eine Art  Ruhr. Wenn
die  beiden  Landser  nicht  gewesen  wären,  wäre  ich  wohl  elendig   umgekommen.  Auch  die  Angst,  in  den  Wäldern von  freigelassenen  KZ   Häftlingen erwischt  zu  werden,  war  gross. Weshalb  und  warum,  begriffich  erst  später.  Uns  dreien  ging  das  zu  Fuss gehen  mittlerweile  zu  langsam.   Da sahen   wir  vom  Berg  aus  vor einem  Bauernhof einige  Pferde  weiden.  Wir haben  uns   nicht  lange  besonnen  und uns  drei  Pferde  von  der  Weide geklaut.  Es waren   zwei  russische Panjepferde  und  ein  deutsches  Reitpferd.
Gott  sei  Dank  hatten  alle  drei Pferde  Mundstücke  und  Zügel,   aber keine Sättel.  Ich  hatte  noch  nie auf  einem Pferd gesessen.  Die   beiden anderen  Landser hatten  da  schon einige  Erfahrung.  Der Niederländer   und ich  nahmen  uns  die beiden Panjepferde. Das  Schlimmste   war,  wenn  der Niederländer  mal  mit  seinem  Pferd ein Trab  vorlegte,  dann wollte  mein   Pferd gleich immer  hinterher.  Die  beiden  Panjepferde sind wohl  längere   Zeit  ein  Gespann  gewesen. Es dauerte  so  seine  Zeit,  bis wir beide uns  einig   wurden.  Wir  ritten meistens am  Tag  oberhalb  der Verkehrswege. Denn  der  Amerikaner  war schon   oft  unten  auf  den Strassen zu  sehen.  Wir wollten  weiter  nach Westen. Zusammen   sind wir  ca.  200  km  geritten.   Abends  machten wir  meistens  für  die  Nacht   bei  Bauern  Rast. Die Gegend  war  voll  von Flüchtlingen, die  meistens   beiden  Bauern  unterkamen. Mein Hintern  war  so  wund geritten,dass    ich noch   knapp   laufen konnte.  Aber  meine beiden  Kameraden  hatten mich  immer  rührend  versorgt.  Im Stall hiess es   immer:   "Hosen  runter!"   Ein   Eimer  Wasser  hinten drauf und  ein paar   Händevoll  Mehl (selten knappes  Puder)   hinterher.   Mittlerweile hatten  wir uns Wolldecken   als  Reitsättel zurecht gemacht. Zusammengebundene  Lederriemen  dienten als   Steigbügel.  Das  war schon   mal  eine  grosse Erleichterung.  Es  rutschte   natürlich  ein bisschen  hin   und   her.   Meine beiden Freunde waren  in  der  Nacht   meistens bei irgend welchen  Frauen.   Ich  musste  immer schön  brav in  der  Scheune   schlafen, bis die   beiden wiederkamen.   Am frühen Morgen  ging  es wieder  in  die Berge. Ich  hatte  immer noch meinen  Durchfall und musste   oft  Halt machen.Meine beiden  Freunde haben  immer gewartet. Alleine hätten sie   es  wohl auch  leichter gehabt. Einmal haben  wir einen  ganzen Tag Pause gemacht,  denn   unsere treuen Pferde brauchten auch mal  eine  längere Pause.Meine  Freunde hatten  mich  bei  einer jungen Frau  untergebracht.  Diese wollte  gerne,  wenn ich  wollte,  dass ich  bei ihr bliebe, bis sich alles   normalisiert  hätte. Aber   abends ging  sie  zu irgend einen Amerikaner, die in  der Nähe  stationiert  waren.  Da  ging ich  doch lieber  mit meinen Freunden  weiter. Die beiden   hatten das   Bleiben  bei  dieser Frau  eingefädelt.  Auf  unserem Ritt trafen wir   auch  viele  andere Landser,  die sich  wie wir  schon Räuberzivil besorgt  hatten.  Da   gab  es Typen mit  grossem Einfallsreichtum, um  sicher weiter  nach   Westen  zu kommen. Bei  einer  Rast auf  einem Bauernhof  lernten  wir so einen   kennen. Der  hatte  sich   irgend wie   einen Leiterwagen beschafft. Das  Pferd  dazu hat   er  wohl auch nicht  geschenkt bekommen.   Aber  so konnte er ganz frech  die  Strassen   benutzen.  Die Ami`s, die  vorbeifuhren,  grüsste er  immer.  Die  dachten  wohl,  dass ist  einer von  irgend  einem  Bauernhof  in der Nähe.  Er  sagte   uns,   das er  sogar  von der  amerikanischen   Militärpolizei,  die auf  Kreuzungen  stand,   eingewiesen wurde.  Wir mussten  uns  aber  weiter  in den Bergen  fortbewegen. Wir  stiessen  einmal auf eine  Gruppe   Landser mit  fast 50 Pferden.  Diesen   schlossen  wir  uns kurz an. Ein  Offizier führte   diesen Haufen an. Der kannte  viele   Schleichwege.  So ein Haufen von  50  Pferden  und Reitern war  schon imponierend,  aber  auch höchst riskant. Wir haben  uns  bald wieder   in kleinen Gruppen getrennt.   Irgendwann später machten  wir in einem  kleinen  Dorf   Rast bei einem  grösseren Bauern.   Dieser Bauer hat für  uns den   Tisch   reichlich decken lassen.   Vom Ami  weit  und breit nichts  zu  sehen. Das   Risiko erwischt  zu  werden,  wurde aber immer  grösser.  Wir   entschlossen   uns, dem Bauern   die Pferde  gegen  Gebot  zu verkaufen.  Wir  bekamen einen   geräucherten Schinken  und  mehrere hundert    Zigaretten. Ich  glaube,  dass ich  Tränen   in den Augen   hatteals  ich  Abschied  von meinen treuen  Pferd  nehmen  musste.

Mit  einem  Mal  war  der  Ami  auf dem  Hof 

und   wollte  uns  gefangen  nehmen.  In  der  Zeit,   als  wir  beim  Essen  waren,  hatte  der  Bauer  sich durch  die Hintertür  auf  die  Socken gemacht  und  beim Ami  Bescheid gesagt,  das  da  drei  Soldaten bei ihm  auf  dem  Hof  sind. Es  waren nur  ein  paar  Ami`s  im  Dorf. Meine Pistole  hatte  ich  schon  länger nicht mehr.  Wehren  wollten  wir  uns sowieso nicht. Die  Ami`s  nahmen uns  dann  bis  zu dem  Haus  mit,  wo  sie  sich  einquartiert  hatten. Wir  drei  mussten  uns  dann auf der  Strassenseite  des  Hauses  hinsetzen und    der  Dinge  harren.   Die Ami`s  gingen  dann  erst mal  rein  und haben  sage   und   schreibe  erst  mal Mittag  gegessen.  Wir  sassen  ganz ohne  Bewachung draussen.  Aber auszurücken wagten  wir  auch  nicht.   Wenn  ich hätte  englisch   sprechen   können,   hätte ich  glatt  gefragt,  ob  ich noch mal zum  Hof   zurückgehen  könnte, um  etwas  Vergessenes  zu  holen.  Ich  hätte  den  Bauern   zu  gerne  eine  Weile mit der  Mistgabel  bearbeitet.   Denn  das  war einfach  zuviel   für  mich.    Essen geben,  Pferde  abkaufen  und  uns dann verraten   und sich   so  einen Namen  machen  wollen.  Der Ami,   auch später  in Gefangenschaft,   hat  auf solche Typen    nie  richtig  reagiert  oder  diese  für voll  genommen.   In  meiner  Dummheit  und  Angst  hatte ich  mein Wehrmachtssoldbuch   weggeworfen.  Denn  da  war  ja  auf    irgend  einer  Innenseite   der  Stempel  der  SS - Einheit drin,  zu   der  man  uns  ja  gegen unseren   Willen  eingezogen  hatte.  Es war ja  bekannt,   dass   man  mit  Angehörigender  SS  nicht  zart  umging.   Meine Freunde und   ich   blieben  aber  noch zusammen.  Dann   kamen  wir  in  ein Sammellager.   Dort wurden   wir   erstmal sortiert,  Arme  hoch und   nach  tätowierten Blutgruppen  gesucht.  Diese kamen  erst  mal  rechts raus. So wurde  ich  von  meinen  Freunden  und dem  Schinken   getrennt.   Abschneiden oder   teilen ohne  Messer,   die  man  uns  abgenommen  hatte,  konnten  wir  nicht. Wir  sahen  uns leider  nie  mehr  wieder.

Alle  von  der   SS  kamen  zuerst mal  in  ein  grobes  Sammellager  (ca. 10 000 Mann ) auf eine grosse Wiese. Nichts zum Essen und keine Decken. Nachts war es  hundekalt. UnsereToilette war ein langer Graben mit  einem Baumstamm darüber zum Sitzen. Das  war  eher  immer  ein  Balanceakt. Denn  man  konnte  sich  ja  nirgend  wo   festhalten.  Wir  waren  auch grösstenteils sehr  geschwächt. Das  Einzige,  was  wir  hatten,  waren   Läuse.  Da  sass  ich  dann am   Tag,   wie  andere  auch, wenn  die  Sonne schien, und   knackte Läuse.   Mittlerweile   wurden  Gruppen eingeteilt  mit  Kurieren.   Denn  es  sollte  Verpflegung  geben.   Es gab,   kaum zu  glauben,   für  100  Mann  eine Dose Rindfleisch  und   für   50 Mann  ein Brot.   Da  halfen  mir meine Zigaretten  viel, denn  ich  konnte hier   und   damal  ein kleines  Stück Brot  eintauschen.  Die  Einwohner desnahegelegenen   Ortes  ( leider  den  Namen vergessen)  warfen  auch  schon  mal Brot  zu uns   herüber.    Das war  für uns  mehr  als  ein  Geschenk des  Himmels.  Dieses  Brot  wurde  auch  nach  strengen  Regeln verteilt. Es  wurden  auch  fast  die  Krümel gezählt.   Wie  viele  gestorben   sind, weiss  ich  nicht.

Etagenbetten im Dauerlauf Tragen

Mancher  musste  auch  aus  unserem Latrinengraben  geholt  werden.   Es  muss  ja   für den  Ami  wohl  schwer gewesen sein,   plötzlich  so  viele Gefangene   zu   versorgen.  Aber  da alle  von  der  SS  waren,    hat  er  sich  wohl  mit  der Versorgung  nicht   überschlagen.   Dieses  Lager  hat mehrere  Wochen  gedauert. Einmal  kam  ein  Amerikaner  und suchte über  1000  Freiwillige,  die  einen  Stechschritt marschieren  konnten.  Der  Ami wollte  mal  gerne so etwas   filmen.  Für  die  Beteiligten sollte  es  Sonderverpflegung  und  Zigaretten  geben. Er  bekam seine  Freiwilligen  und  konnte filmen.

Generals Kopfbedeckung Ein  deutscher  höherer  Offizier wollte  mir  mal  befehlen,  vor  einer amerikanischen  Baracke  zu  harken.  Ich  war  aber einfach zu  flau   und  verweigerte  dieses.

Da  bekam  ich  eine  kraftige Ohrfeige  von  diesem  Offizier.  Da standen   dann   viele  Mitgefangene  auf und  nahmen  eine  drohende  Haltung diesem  Mann   gegenüber  ein.  Gott sei  Dank  lief  alles  ruhig  ab, denn  der  Ami  hätte   glatt mit  seinem  MG  dazwischen  gefunkt.  Nach gut  zehn  Wochen  kamen  wir   in mehrere,   verschiedene  andere  Lager.  Ichkam  auf  einen  ehemaligen  Flugplatz.  Da  wurde   von  uns  dann  ein  einem  ehemaligen  Hangar  auf  halber Höhe der Halle  ein   Fussboden eingezogen.    Da  wurden  wir  dann untergebracht.  Läuse   waren   durch  Entlausung  auch  weg. Die Verpflegung  wurde auch  etwas  besser.   Leider  habe ich  auch  den  Namen  des  Flugplatzes vergessen.  Wir  haben   auch   da  noch auf dem  Fussboden  schlafen   müssen.
Wir,  die  auf  dem    Zwischendeck schliefen,   hatten  es  nachts  ein bisschen   wärmer.   Wir  wurden  dann   nach   kurzer Zeit   nochmals  auf andere  Lager   verteilt.   Ich  kam nach  Plattingen.   Zuerst  in  Zelte von  unseren  eigenen   Planen  die wir noch   hatten.   Eine  Dreiecksplane   gehörte mal  zu  unserer   alten  Ausrüstung.  Wenn   sich  vier  zusammentaten ergab  es ein  Zelt  für  vier  Personen  - war   aber   sehr  eng.    Aber wir  hatten  wenigstens  ein Dach  über  den  Kopf. Bei   Regen   war es  schon  schlechter,   denn  die  Planen  hielten  ja   nicht  dicht.  Die  Verpflegung  war   auch   sehrknapp  bemessen.  Butter  war so   gross  wie ein  Zuckerwürfel   (proTag)   Jeden Tag  wurde  zur  Arbeit marschiert, vorne weg  die  Offiziere.   Die  hatten  es am  besten,    denn  da  konnte man  die   Kippen   der weggeworfenen Zigaretten  der  Ami`s    einsammeln.   Bald  kam   auch  eine  Beschwerde  der  anderen   Soldaten   an  den
Kommandanten  des  Lagers,    man  möchte  auch  mal  andere  vorne  marschieren lassen.   Dies  wurde  aber  nicht geändert.   Neben  mir  stand  beim  Antreten  oft  ein  Österreicher.   Der hatte  eine  Sicherheitsnadel,   mit   der spiesste er  die  gefundenen  Kippen  auf  und  konnte  diese  so  fast  bis  auf  zwei  Milimeter  zu  Ende  rauchen.  Dieser Österreicher  sammelte  auch   in den  Mülleimern  der  amerikanischen  Küche leere  Lebensmitteldosen   und  kochte  diese mit  Wasser  aus  zu  einer  fürchterlichen Brühe.   Aber  der  Magen  hatte  wenigstens  etwas  zu  tun.   Wir bauten  hier  ein riesiges   Barakkenlager  mit zwei -und  dreistöckigen  Betten  auf.  Später zogen  wir  da  selbst  rein.   Es waren immer grosse    Blocks  für  rund 1 000 Mann. Zehn  solcher  Blocks  wurden  gebaut. Jeder  Block  hoch  mit  Stacheldraht  eingezäumt.   Diese  Blocks  hatten eine Grösse von  100  x  100  Meter.   Ich arbeitete  meistens beim  Fussbodenverlegen.  Wir  legten  Holzfussboden.  Das  warauch  nicht  so   anstrengend.   Auch stand  der  Posten  nicht  immer  daneben. Ich habe  auch  mal mit  dem  Österreicher beim  Betten  zusammenbauen  gearbeitet.   Das war ein  harter  Job.  Denn  wenn  so ein Bett  fertig  war, musste  es  im  Dauerlauf mit  4  Mann  zu  einer  Sammelstelle getragen werden.  Wenn  der  Posten   nicht  guckte, sagte ich  immer:   "Lauf  doch mal  ein bisschen langsamer!"    Aber  mein  Österreicher  hatte immer  die  Hosen voll  und trieb  uns mit an.  Der Ami   schoss schon  mal,  wenn es  zu langsam  ging,  eine  Salve über uns weg.

Die  Bewacher  des  Bettenkommandos  waren meist  jüdischer  Herkunft. Es   war  ein  ganzer Teil  der  Bewacher  dabei, die Angehörige im  KZ  verloren   hatten.  Meistens  aus Polen,   Deutschland oder  Frankreich.  Das  bekam man aber  erst nach  und  nach  zu wissen.  Richtige  Vorstellungen  von  einem KZ hatte ich   sowieso   nicht.  Die ersten Bilder  des Greuels  bekam  ich bei  diesem  Bettenkommando  zu  sehen.  Ich  wurde da  von  zwei Bewachern gerufen  die  auf so  einem  zweistöckigen Bett  sassen.   Als ich  vor  ihnen stand,  zeigte  mir  der eine  neue Illustrierte,  die voll  von grausamen Bildern aus einem   befreiten KZ war. 


Seine    Eltern   waren   auch in Polen umgekommen. Wohl war mir nicht  dabei. Der  andere Ami  neben   ihm  verhielt  sich  sehr zurückhaltend. Dann  holte  mit  einem  Mal  der  wütende  Ami  mit  dem Fuss aus  und  wollte mir  mit  seinem grossen Stiefeln  ins Gesicht  treten. Dieses  hat  der  andere Ami  in letzter Sekunde   verhinder.   Ob  ich da wohl   froh  war?   Mit  meinen 16 Jahren  sah  ich wohl   mehr  wie ein Kind als  ein Mann aus.  Ich  wurde dann auch  gleich wieder zum   Arbeiten geschickt. Wie  leichtsinnig  man mit   unter war,  zeigt ein  anderes   Beispiel. Da  hatten wir  einmal  einen   Bewacher, der  schoss gern  auf    Dosen   und ähnliches. Von dem wurde  ich   mal  gefragt,  ob  er mir  eine Zigarette   aus  dem Mund schiessen durfte.  Ich  willligte  in meinem   jugendlichen  Leichtsinn  ein.   Er schoss und  es  ging alles   gut. Ich glaube, ich  bekam  ausser Zigaretten  auch Schokoladevon  ihm.   So  etwas macht  man nur einmal. Später   suchte der  Ami  für seine   Kolonne die  Leute, die  er haben wollte,  selber   aus.  Ich wurde immer von  einem   geholt,   der den Kraftfahrzeugpark  des  Bataillones   unter sich hatte. Ich  wurde   von  ihm "Sneip"  genannt.   Morgens  wenn  er  kam und  seine  Leute  holte,  sagte  er ständig zu  mir:  "Snipe(Sneip), come on".  Ich  konnte  ja  nicht viel  englisch.  Bei  unserer   Unterhaltung  pfuschte  immer  ein anderer  Gefangener  dazwischen und  wollte  übersetzen.   Später  erzählte mir  der Ami,  das er   keine Kinder  habe und  in  Amerika eine   grosse Autowerkstatt  mit  Tankstelle  besässe. Ob ich  nicht  mit  ihm  nach   Amerika  kommen wollte.  Ich  wollte  aber endlich   mal  wieder nach  Hause  und  so  wurde  aus  diesem einmaligen Angebot  dann nichts.   War  vielleicht ein Fehler,   wer  weiss??   Mittlerweile  wurde unser  Barackenlager  auch bezugsfertig.   Das  Lager hatte eine  breite Strasse  in der  Mitte.  Links und  rechts der Strasse   waren  jeweils  fünf  Lager zu jeweils  1000  Mann.  Das  ganze war rund  500   bis  800  Meter  lang.  Jedes Lager  hatte  zur  Strasse  einen  eigenen Eingang.  Die  Strasse war nur  zu  einer Seite  offen und  durch ein  grosses  Haupttor gesichert.   Tor und Aussenzaun  waren  natürlich  streng bewacht.  Im  ersten  Lager  rechts  vom Haupteingang  war  die  deutsche Lagerleitung drin.   Ich  bekam  durch grosses  Glück einen    Job  als  so  eine   Art  Bote bei  der  Lagerleitung. Ich  brachte Order und  Mitteilungen  der Lagerleitung  in  die verschiedenen   anderen Lager.   Diese wurden auch  erst  nach und  nach   mit  Gefangenen aus  allen Ecken  der  amerikanischen  Zone gefüllt. Es  war  auch  ein  Lager mit Russen da.  Das  gesamte  Lager,   rund   10000  Mann, waren   alles  ehemalige  SS Angehörige. Es  mögen   auch  noch andere  Nationalitäten da  gewesen  sein.  Ich habe hauptsächlich  noch  die   Russen in meiner  Erinnerung.  Der  Lagerleiter  im Rang  von  einem  Oberstleutnant   hiess  Cäsar (oder Zäsar).   Sein Stellvertreter  Oberstleutnant Neumann,   ein   Fahnenjunker, und ich  teilten uns  einen grösseren  Schlafraum. Jeder   hatte  sein  Zwei-Etagenbett.  Abgeteilt  hatten wir  unsere  Ecken  mit Wolldecken. Wir  hatten es  uns  so  richtig  gemütlich  zurecht gemacht.

Wir hatte es im Lager besser als viele Menschen ausserhalb

Ich  war  natürlich  für  die Sauberkeit  zuständig.  Unsere   Betten   haben  wir  selber  gemacht. Der  Lagerleiter  Cäsar war  ein ehemaliger  Rittergutsbesitzer.    Im Lager erfreute  er  sich   grosser   Beliebtheit.   Sein  Vertreter,   Neumann,  war dagegen ein  aalglatter  Typ.  Von  mir  wollte  er immer  einiges   in Erfahrung  bringen  über Cäsar  und  sein   Tun und   Lassen  wissen.  Da musste  ich  immer  sehr  vorsichtig sein.   Er   äusserte  sich  immer gegenüber dem Fahnenjunker  (Namen  leider  vergessen),   dass er  eigentlich Kommunist  sei.  Der  Lagerleiter und Vertreter   waren schon  über  50  Jahre alt.   Der  Fahnenjunker  war  ungefähr 24  Jahre  alt.    Er  war Journalist  und  wollte,   wenn   er wieder  Zuhause  war,   wieder  seinen  Beruf ausüben.    Das  Zimmer  nebenan  von uns  war  auch  von   einem   äusserst  interessanten   Mann  belegt.   Der war  Leutnant  oder  Oberstleutnant.   Seine Funktion   in  der  Lagerleitung  war es hauptsächlich,   zu  dolmetschen.   Hier tut  es  mir besonders  leid,   das  ich  den  Namen  vergessen habe.  Das   war  so ein   richtiger Abenteuertyp und  Frauenheld  noch  dazu,  wie  sich  später  herausstellte.  Ihm  waren  an  beiden Füssenalle  Zehen abgefroren.   Wie   er mir  erzählte,  war er  früher  mal Rollschuhkunstläufer  gewesen.  Er  hatte   sich  miteinem amerikanischen Offizier  angefreundet.  Die beiden   hatten  sich etwas  Unglaublicheserlaubt.    Das   Lager existierte  ja schon einige  Zeit .   Verpflegung,   Unterkunft,  alles war  mittlerweile  mehrals sehr  gut  geworden. Zigaretten  gab  es  auch. Zigaretten   wurden unsere  Hauptwährung.  Durch  die  Marketender- Zigaretten sank natürlich der   Tauschwert  dieser   Währung.
Nun  zu  den  beiden  Offizieren  und ihren  unglaublichen   Abenteuern.   Anders  kann  man  das  wohl  nicht   nennen.  Da kam  eines Abends  der amerikanische  Offizier,   wie  sonst auch,  mit  dem  Jeep  angefahren  und  besuchte den  SS Offizier.    Nur diesmal  sassen bei der  Wegfahrt  zwei Offiziere  in  amerikanischen Uniformen  im Jeep.   Da  hatte  der Ami tatsächlich  für  seinen  deutschen  Freund eine amerikanische  Offiziersuniform   mitgebracht.  So  sind  sie  dann auch  nach  München  gefahren  und  haben   Mädchen aufgerissen.   Ich  konnte kaum   glauben  was  ich da  gesehen hatte.Das  haben  die  beiden   mehrere Male  gemacht.   Dieser  gefährliche Leichtsinn ist   glücklicherweise   nie entdeckt worden.  Auch  von  deutscher  Seite nicht. Für den  Ami  hätte   das wohl  den Ausschluss aus  der  Armee  bedeutet oder  mehr,   wenn man  die   beiden erwischt hätte.   Der Ami  war  sowieso nicht  zimperlich  bei  der  Bestrafung.
Durch  meine  Arbeit  als  Bote  und Überbringer  hatte  ich  sehr  viele  Freunde  und  Bekannte  im  Lager,  aber   auch misstrauische  Neider.   Ich konnte   ja   mit   meinem  Ausweis  in  jedes  Lager  gehen  und  Besuche machen. Das  war sonst   für   die  anderen  streng verboten.   Aber  immer aus  der  Lagerleitung zu   verschwinden,  war  auch  für mich nicht zu jeder  Zeit  möglich.   In einem Lager,  wo   ich   öfters  mal war,  gab es  etwas   besonderes  Trauriges  zu sehen.  Da waren   drei junge  Soldaten,  nicht viel  älter  als  ich,   die schwer kriegsverletzt waren.  So  etwas  habe ich auch später  nie  wieder  gesehen. Bei zwei von  den  dreien  waren  beide Arme und Beine  weg.  Nur  noch  der Rumpf und der Kopf waren  da.  Diese  beiden waren trotz  ihres Schicksals  voll  unglaublicher Dinge und  Witz.Die   beiden  waren  auch von ihren Kameraden aufopfernd  und  rührend umsorgt.  Die  Kameraden  hatten  auch alle möglichen  Hilfsmittel  zur  Lebenserleichterung  für die   beiden  gebaut.   Der Ami  nahm sogar regen  Anteil  an  diesenvom   Schicksal so   hart   gebeutelten  jungen Menschen. Wenn  diese  beiden  nicht  so  enormgut versorgt   gewesen wären,    hätte der Ami diese  Menschen   in  ein  Krankenhaus gebracht.  Wielange  ein  Mensch so  leben kann,  weiss ich   nicht.   Der  Dritte   hatte es  etwas   leichter,   weil er noch  seine beiden  Arme   hatte.  Für   den  hatten seine Kameraden  so   ein Brett  mit  Rädern gebaut.  Damit  konnte  er   sich  wenigstens in der   Baracke  bewegen.  Bei  den Russen war  ich  auch immer   gerne.  Bei  denen  war  es   wie  in    einer  richtigen  Dorfgemeinschaft.  Die  hatten sogar  einen Pastor  da.   Der Pastor  lebte  in  dem Lager  sogar  mit seiner  Frau  zusammen.

Zum Schluss sang die Frau des Pastors: "Heimat deine Sterne"

Dieses  Ehepaar  hatte  mit  einigen anderen  auch  mal  ein  Theaterstück einstudiert. Es  konnte  mit  der Erlaubnis  der Ami`s aufgeführt  werden. Wir  von  der   Lagerleitung waren  bei der  Urauführung  dabei.  Es mögen  500Zuschauer  dabei  gewesen  sein. Es war  natürlich  nur  eine  bestimmte  Anzahl  auf  einmal   erlaubt .  Es  gab viel Beifall.  Aber  dann,   zum Schluss  des  Stückes,   sang   die Frau  des  Pastors (einzige  Frau  im Lager) :   "Heimat deine Sterne"   Da flossen  Tränen.   Aber  als  die  schöne Russin   mit  dem  Lied  zu  Ende war,  folgte  ein  Beifall,  Geschrei und Getobe,   dass der   Russin  wohl der  Angstschweiss  ausbrach.  Das  hörte sich  auch   beängstigend  an.   Das hatte  sogar  den Ami  auf die  Beine gebracht.  Der   kam  mit  einem  Wagen  voller  Soldaten  an,   um  den vermeintlichen  Aufstand niederzuschlagen.   Aber  er brauchte  mit  seinen durchgeladenen  MP`s  nicht einzugreifen,  als   er  hörte,   was  die Ursache war.   Das  war  so  ein  Erlebnis,  was  man  nicht   vergisst !   Das  Lager selbst,   war  noch  streng bewacht.  Bei  den  Arbeitskommandos, war die   Bewachung  nicht  mehr  ganz  so streng.   Es  haute  aber  auch  keiner ab.   Denn   erstmal  wollten  alle ordnungsgemäss  mit  Papieren entlassen  werden,   sonst  bekamen   sie  draussen keine Lebensmittelkarten   usw.   und  die vielen  anderen  Soldaten,   die  aus den   ehemaligen Ostgebieten kamen,   wehrten sich  halbwegs  gegen eine   Entlassung,   da  sie  ja  kein  Zuhause mehr  hatten.  Das   war  natürlich  ein  besonders hartes Schicksal   für  diese Menschen.   Ich glaube,  wenn  der   Ami mal  für  ein  paar  Tage seine  Bewachung aufgegeben  hätte,   wäre  keiner  getürmt. Denn  wir  hatten  es mittlerweile   imLager  besser,   als   die   meisten Menschen ausserhalb  des  Lagers.  Ganz  zu schweigen von  den  Flüchtlingen,   die  im Lager lebten.   Es  gibt,   wie überall,  immerwieder  Menschen,   die   ihre  relativ gute Lage übel  ausnutzten.   So auch  dieses fast unglaubliche  Erlebnis.   Es  war  mitten in  der  Nacht,  als   uns  der  Ami schwer  bewaffnet aus  den  Betten   jagte.  Da   war folgendes  passiert:   Die  Arbeitskolonnen gingen  morgens  immer  in  10 er   Reihen zum   Zählen  durch das  Haupttor zur Arbeit  oder  zum LKW,   wenn  weiter  entfernt  gearbeitet   wurde.  Dabei  hatten es einige   bei   ihren Jobs fertiggebracht,  mehrere  Frauen   kennen  zu lernen.   Diesen  Frauen, fünf   bis  zehn,  haben  sie   dann  Lageruniformen   angezogen und  die  gleiche  Anzahl  Landser  draussen  gelassen.   Die  Frauen wurden  in diesen  Zehnerreihen   mituntergebracht  und so   durch das  Haupttor   mit  eingeschleust.  Der   Ami hatte   nichts  bemerkt.  Am nächsten   Morgen  sollte   dann  alles  wieder  getauscht  werden.   Ob   daFrauen   bei  waren,   die  zu  ihren Männern  wollten,  kann  ich   nicht  mehr   sagen.  Jedenfalls   hat  dieses  wohl   irgend   jemand  den  Ami wissen   lassen.   Der   Ami  ist dann  in die   betreffenden   Unterkünfte  gestürmt und  hat   die   Frauen,  so  wie  sie  waren,   aus  den   Betten   geholt.  Am   Ende  der   Strasse  hat  er  dann  einen   Stacheldrahtverhau  gespannt. Dahinter   mussten  alle   Frauen, nackt oder  mit Hemd   bekleidet,  verschwinden.  Dazu   wares auch  noch lausig  kalt.  Was   mit  den Männern  geschah weiss   ich   nicht   mehr.  Das  allerschlimmste  für  die  Frauen war, das   am nächsten  Morgen   alle  Männer  des gesamten  Lagers  da vorbei  marschieren   mussten. Ich erinnere  mich,  das  die  meisten  von den draussen gebliebenen    Landsern   ins Lager zurückgekommen sind.  ( Strafen  unbekannt) Der Ami war natürlich stocksauer.Alle  Vergünstigungen für  das  gesamte   Lager  sollten gestrichen  werden.   Unsere   deutsche Lagerleitung  hat grosse Anstrengungen unternommen,  um alles   einigermassen   human verlaufen   zu lassen. Das  Ganze  war eine "Dummheit  hoch drei".  Der Ami  wurde   natürlich  strenger bei den Arbeiten  ausserhalb  des  Lagers.  Zu allen  Lagern  muss   ich  sagen,   das der Ami  uns  immer  verhört  hat,  um KZ - Bewacher   und  andere    hohe Funktionäre ausfindig   zu machen.  Aber  die meisten  hatten  sich  wohl  mit falschen  Papieren  eingedeckt,  und  waren in  der  Masse untergetaucht.  Ab   und  zu erwischten  sie  aber  doch einen.  Wir    im  Lager  hatten  schon sehr viel ausgediente Uniformen  der  Ami`s  an. Es  musste   gross   hinten,   PW  ( POW )   auf  dem  Rücken   stehen.   Da waren  die Gefangenen   sehr  erfinderisch:  Die  Buchstaben  wurden  meistens   mit Zahnpasta  geschrieben.  Wenn  der  Ami seine Kontrolle   beendet  hatte,   konnte  man  die  Zahnpasta  wunderbar  wieder auswaschen.   Weihnachten 1945  war  ichnoch  in  Plattlingen.   Da  gab  es   natürlich  für  die  meisten Gefangenen  das   grosse  Heimweh.   Es gab   viele,   die  ihre Angehörigen   und ihr  Zuhause bereits   ein  bis  zwei  Jahre   schon   nicht  mehr  gesehen hatten.   Das    Weinachtsfest    selbst  war  wunderbar  gestaltet.   In  der Lagerleitung  war   dieses  natürlich besonders   schön,  weil  wir   nicht so  viele Landser   waren  und  uns alle  persönlich  kannten.   Aber  ein  Weihnachtslied  zu   singen,   fiel  wohl  alle  wegen  eines Klosses im  Hals schwer.   Um  diese  Zeit   herum war es  wohl  auch,   als  wir  zum erstenmal  nach  Hause schreiben   durften.  Meine  Eltern  hatten  ja  seit Weihnachten  1944  nichts  mehr  von mir   gehört.   Wir    bekamen  spezielles   Briefpapier  vom  Ami  geliefert.  Da  konnte   man  sogar  mit  Feder  und  Wasser drauf  schreiben.   Wo  das  Papir feucht   wurde,  wurde   es  tintenblau.  Zensiert wurde  unsere  Post  auch.   Aber unsere  Angehörigen   bekam   enendlich Post von  uns.  An   Silvester  habe ich   keine  Erinnerung  mehr.   Es war  natürlich  strengstes   Alkoholverbot. Aber   ich  glaube,  unser   Nachbarin der  Baracke  nebenan,   der   mit  dem Ami befreundet  war,   hatte   eine Flasche  Schnaps  gehabt,   Dieser  Mann   war wirklich  ein Lebenskünstler.  Er   konnte  einfach   aus jeder Situation   das Beste  machen.   Etwa  Mitte Januar  1946   hiess es,   wir  kämen in ein  anderes   Lager. Die  Parole  ging um,   das Flüchtlinge   in  dieses   Lager kommen   sollten.   Ob  was an  dem  Gerücht dran  war,  habe  ich  nie  erfahren.  Aber ob   das   Lager   ganz  aufgelöst wurde,   weiss  ich  nicht  mehr.   Ein Teil  anderer   Kameraden   und   ich, fuhren mit grossen  dreiachsigen   LKW`s   und verrückten  Fahrern   zum  ehemaligen  KZDachau.  Ganz wohl  war   uns sicher nicht  dabei.  Aber  es wurde   nicht so   schlimm,  wie  wohl einige erwartet  hatten.   Ich kam  in  eine  Baracke,die  unmittelbar   neben  dem Aussenzaun  und gegenüber   von dem grossen   Wirtschaftsgebäude  lag.   Wir waren ungefähr  sechs  bis  acht  Jugendliche,  die  sich  in  einer  Ecke   in  den   dreistöckigen   Betten ihre  Bleibe so  gut es ging aufbauten.Die anderen waren alles schon ältere Soldaten in unserer Baracke. In dem ganzen Lager  waren   natürlich   nur   SS-Angehörige. Es   fehlte   auch  kein  Dienstgrad. Wir  hatten   einen   ganz  besonderen  Typ   eines  Untersturmführers  (Leutnant)  in   unserer  Baracke  mitwohnen.   Erstens war   er Blutordenträger.  Er   hatte   in   den dreissiger  Jahren   den  Marsch  mit  Hitler  zur   Feldherrenhalle     mitgemacht.  Dieser   war  blutig  niedergeschlagen worden,  und  es hatte allerhand  Tote  unter den  Anhängern  Hitlers   gegeben.  Die Überlebenden  haben   dann diesen berühmten   Blutorden  bekommen.   Es  mögen    zwischen 10- 20   Leute   gewesen  sein.   Eine genaue   Zahl der   Überlebenden   könnte  man wohl  durch  Nachforschungen   herausbekommen.  Für   meinen Erlebnisbericht   wohl auch   nicht  so wichtig.   Diesen Blutordensträger  hatte   man  zu  seinem  Orden auch   noch  zum  Untersturmführer  ehrenhalber   befördert.  Wer   ihn kannte, konnte  darüber  nur  mit  dem   Kopfschütteln,   denn   es   reichte   bei dem  eigentlich nicht  mal  zum Gefreiten. Fanatisch  war   er immer   noch  und ebenso  jähzornig.   Wir Jungen  hatten mal   vor dem   Wecken  seine  Holzschuhe festgenagelt.  Wecken,   Aufstehen  und Zählappel  vor  der  Baracke   musste  immer schnell  gehen.  Wir  waren  schon  angetreten,  da   hörten  wir   aus unserer  Baracke ein  Höllenspektakel. Unser   Untersturmführer  war  in  diefestgenagelten  Schuhe  gesprungen und  hatte   eine  deftige  Bauchlandung   gemacht.   Aus  Wut  darüber  hatte  er angefangen,   die   ganze  Bude  zu demolieren.  Die   Ami`s   luden   ihre MP`s   durch  und stürmten   die  Bude.   Die hätten   ihn  glatt  erschossen,    wenn   er  den  Arm gegen  sie   erhoben   hätte.    Aber es   ging   glimpflich  ab.  Er   musste alles  wieder  aufräumen.  Mit   uns  hat  er  nie   wieder gesprochen.   Sonst   war die  Behandlung im Lager   nicht  schlecht.   Die Verpflegung   war  nicht  überreichlich,   aber  gut.  Mit  der  Unterkunft  waren   wir  sehr zufrieden.  Ab  und  zu  gab  es  auch  mal Theateraufführungen  im   Speisesaal   der   Wirtschaftsbaracke.Es   gab  auch Arbeitsmöglichkeiten   ausserhalb   des   Lagers.    Bei   so  einem  Kommando  auf   einem  riesigen Benzinverladebahnhof in München   war  ich  eine ganze   Zeitlang  mit  dabei.    Das Schönste   dabei  war,    mal Zivilbevölkerung   zusehen.   Von  den  LKW`s   winkten   wir  immer   den  Mädchen  zu.

Scorzeny
Otto Scorceny, Offizier der Waffen-SS. 1947 von einem amerikan. Militärgericht freigesprochen
Abends  in  der  Baracke  wurde  dann  gestritten,   welches    Mädchen zu  wem  gewunken   hatte.   Es   gab   in  diesem  Lager  sicher  eine  Menge Gefangener,   die  andere   Sorgen   hatten.   Am  anderen   Ende  des Lagers  sollen  ein  ganzer  Teil  ehemaliger  KZ   Aufseher  untergebracht gewesen sein.  Unserer  Baracke  gegenüber  war   durch eine  hohe   Mauer   besonders   abgesichertes   flach   gemauertes  Gebäude.   In diesem  Gebäude mit  Zellenfenstern  waren die  berüchtigte Ilse   Koch und   andere untergebracht.   Irgendwann erzählte  man,  dass  der Duce Befreier   Skorzeny  ins Lager  eingeliefert   worden  sei  und auch  in diesem  besonders  gesicherten  Trakt untergebracht worden  sei.

Wir  hatten  bald  spitz,  das  man wunderbar  vom  Dach  des  Wirtschaftsgebäudes aus,  auf  die  Zellenfenster  gucken konnte. Die  meisten  taten  es  nur,   um  mal  wieder  Frauen  zu  sehen. Einige  der  inhaftierten  Frauen  waren auch nicht   kleinlich  im  Vorzeigen  ihrer  Reize.

Das wirkte irgenwie komisch: Hermann Göring von weissen Helmen eingerahmt.

Die  wohl  interessanteste  Begegnung hatte ich  (wir)  bei  einem Theaterbesuch  im Wirtschaftsgebäude.   Wir  hatten  uns schon  gewundert, warum   mehrere  Bankreihen  nicht  besetzt  waren. Da  wurde  tatsächlich  Hermann   Göring, bewacht von  20  bis  30  Militärpolizisten, eingeführt.

Hermann Göring
Nürnberger Prozess

Die  Bewacher  setzten  sich im  Viereck  ( nicht  auf    Tuchfühlung) um  Hermann   Göring herum.   Das  wirkte irgendwie  komisch;  Göring   von  weissen Helmen  eingerahmt. Wieso Göring  nach  Dachau kam,   war  nie  zu   erfahren.  Ob  dieses  in  der Prozess  pause  in Nürnberg   immer gemacht  wurde,  oder  warum  auch  immer, war  einfach nicht   zu erfahren.   Ich  sah jedenfalls   Hermann  Göring  das  dritte Mal  in  meinem Leben. So  eine  hohe  Figur  in Gefangenschaft  zu  sehen,  war  schon eine  Sensation.  Einmal  wurde  ein grosser  Teil  des Lagers aufgerufen,  sich draussen  zu  versammeln.   Da wurde uns  von  einem  gut  deutsch sprechenden  amerikanischen Offizier   ein deutscher  SS   General  vorgeführt.


Den  hatte  man  draussen,   in einer Gärtnerei  arbeitend,   aufgestöbert.  Dieser wurde  nach  allen  Regeln der  Kunst  vom Ami  vor  versammelter Mannschaft  lächerlich gemacht.  Für  diese hohen  Dienstgrade gab  es einen  besonderenTrakt  im  Lager. Hätte man diesen  General bei  uns untergebracht, hätten  wir  bestimmt auch mal seine Schuhe  vor dem  morgentlichen  Zählappel festgenagelt.  Wir  kamen  auch ohne diese Leute gut  zurecht.  Wenn  die Ami`s   von unserem überdrehten  Blutordensträger gewusst hätten,  wäre  dieser  wohl auch gesondert untergebracht  worden. Vielleicht wussten  sie  es,  haben  ihn  aber,  wie  wir  anderen auch,   nicht für  voll  genommen.

 Das war eigentlich die schönste Bahnfahrt meines Lebens

Heute  bereue  ich  es,  das  ich meine  Erlebnisse  nicht  schon  früher  aufgeschrieben  habe.  Denn  heute sind  doch  viele Erlebnisse  ( Namen,  Daten,   Verhörmetoden   usw. )  auch  durch gewollte  Verdrängung,  einfach   aus  dem Gedächtnis verschwunden.  Aber  auch  in  der Kriegsgefangenschaft   sprachen  wir  so  gut  wie  gar  nicht  über  unsere Kriegserlebnisse.  Für  uns  jüngere  war die  Gegenwart  und  die  ungewisse Zukunft   viel  interessanter.  Wir  brachten uns  auch  gegenseitig  Tanzschritte  bei.  Denn,   wie  wir  hörten,  soll  draussen  feste  getanzt  werden.  Das war   wohl auch  mit  einer  unserer  grössten Wünsche:  ein  Mädchen   im  Arm  zu halten.  Eine  Zeitlang  hatte  ich auch  in einer  grösseren  Schmiede  gearbeitet.   Das  war für  mich,   als angelernter   Maschinenschlosser ganz   gut.   Denn  ich  hatte   ja  noch nicht ausgelernt.  Die   machten  da  viel  Kunstschmiedearbeiten für  die  Ami`s.   Leider  war ich   nur kurze   Zeit dort. Aber  andererseits   war  ich auch  wieder froh darüber,   denn  der Schmied  war ein grosser   Klotz  und  ging nicht gerade sanft  mit  mir   um.   Trotzdem hätte ich  ganz   gerne  in  der Schmiede noch dazugelernt.   Denn  im Nehmen war  ich auch nicht   gerade zimperlich.  Aber  irgendwie wurde  ich  woanders  eingeteilt.   Hauptsache  war,das  man  immer  irgend  eine  Beschäftigung  hatte  und  keine  Langeweile   aufkam.


Obwohl  wir  im  ehemaligen  KZ  Dachau  untergebracht waren,   hat  man  nie  während   unserer  dortigen Gefangenschaft  versucht,   uns  das  Grauen,  das  dort  mal  stattgefunden   hat,   zu  übermitteln.  Mit   höheren     Dienstgraden und  überführten  ehemaligen   Aufsehern,   ist  das  sicher  anders  gewesen. Wir  haben  dies  aber  nie  erfahren.

Überführte  haben  sich  gehütet,   im  Lager  darüberzu  sprechen,  denn  sie wollten  auch  im  Lager  aus naheliegenden Gründen   sicher  unerkannt bleiben.  Einiges  über das  KZ  kam natürlich  auch   bei  unseren  Verhören durch  den amerikanischen  Verhöroffizier   zur Sprache.   Mit  uns  Jüngeren war  er nicht  ganz  so  streng  bei den  Verhören. Gefürchtet  waren  diese  Verhöre schon.    Wenn  alles   klar  war,  konnte  man  damit  rechnen,   nach  Abschluss  der Verhöre,  seine   Entlassungspapiere  zu  bekommen.    Ein  Jahr  nach  Kriegsende  und  am Tag  der   Kapitulation  war  ich noch  in  Dachau   in  Gefangenschaft.   An den  Tag  kann  ich  mich  noch ziemlich  genau  erinnern,  denn   irgendwie mussten  alle  im  Lager   bleiben. Draussen auf  der  anderen  Seite   des  grossen  Doppelzaunes waren  ein   ganzer  Teil Menschen zu sehen.  Darunter   sollten  viele  ehemalige Häflinge des  Lager  Dachau  gewesen  sein, die  nun  die  Stätte der Pein  als freie  Menschen  besuchten.  Was  denen  wohl in  den  Köpfen  vorgegangen  war,  kann  wohl  nur  einer nachvollziehen,   der   es  selbst erlebt  hat.    Naja,  wenn  man   überliefern und  nachvollziehen  könnte,    hätten wir  wohl für  immer  eine  heile  Welt.  Später  hiess  es,   es  wird  ein Transport mit  Leuten  aus  der  britischen    Zone zusammengestellt.

-Endlich Richtung Heimat-

Wir  konnten  alles  mitnehmen,   was wir  so  besassen.   Ich  besass  z.B. mehrere   Jacken,   Hosen,  eine  Pelzjacke, Schuhe  und mehrere  neue  Feldflaschen mit   Speiseöl.  Alles war  noch  von Plattling.  Die  Feldflaschen mit   dem  Speiseöl  hatte  ich  von unserem Lagerspiess  aus  Plattling  und  sollte  sie  seiner  Familie  überbringen. Ob das  Öl  noch gut  war,  weiss  ich nicht mehr.  Wir  waren  ca. 1000  Mann, die in  Güterwagen  mit nur   einem amerikanischen Begleitoffizier  Richtung  Munster Lager fuhren.  Es war eigentlich  die  schönste  Bahnfahrt in  meinem   Leben.   Den Empfang vom  Engländer  in  Munster  Lager  werde ich  auch  so  schnell  nicht  vergessen. Denn der  stand  da,  mit einer  Menge schwer  bewaffneter   Soldaten  und   mehreren Panzerwagen.   Das  war  wie  ein   schlechter Traum.  Ob   der Ami wohl  geschmunzelt  hat ?   Wir  gewiss nicht?    Wir   wurden zuerst  in  grosse  Nissenhütten  geführt. Da  mussten wir  dann   antreten  und   unser Gepäck vor  uns  auf  den  Boden  legen. Dann  kam  ein  englischer  Offizier   mit einen Stock  unter  dem  Arm ( üblich  beim englischen   Militär).   Er hatte  einen deutschen Wehrmachtsoffizier  in  seiner Begleitung dabei,  in   einer  grün  gefährbten Uniform, auch   mit  einem  Stock  unter dem  Arm.    Die  beiden  schritten unsere Front   ab.   Der  deutsche   Offizier nahm uns  fast  alle  unsere  schönen Klamotten ab,  samt  meine   Feldflaschen. Das grüne  Personal,   ehemalige  deutsche  Wehrmachtsoldaten, nannte  man  abgekürzt  GSO (  GermanService Organisation).    Der  Engländer hatte  diese GSO  Leute  als  Fahrer,  Wachpersonal  (unbewaffnet)  und Dolmetscher   bei sich  beschäftigt. Ob  wir  wohl  wegen unserer  Klamotten  Wut   im    Bauch  hatten ?   Auflehnen  wäre  uns   wohl nicht gut bekommen,  und   wir  wollten  ja  auch so schnell wie  möglich   nach Hause. Ein ganzer   Teil   der  Gefangenen  hatten schon ihre Angehörigen   benachrichtigen können, das sie   im  Munster-Lager  sind und entlassen werden sollten.  Viele  Familien waren   daher angereist  und standen  ausserhalb des  Zaunes  und konnten    sich   mit  ihren Männern und  Angehörigen  auf diese Weise   zum Teil  nach   jahrelanger  Trennung wiedersehen.  Aber  dann  gab  es den  grossen Knall.   Der   Engländer   liess  bekannt  machen,   das  alle  gesunden  und arbeitsfähigen   Männer   nach  England zum  arbeiten  abtransportiert  werden  sollen (meistens  im Bergwerk).    Diese   Nachricht schlug wie eine Bombe  ein.  Zur Untersuchung wurden im   Freien  Tische   aufgestellt, wo pro Tisch  ein deutscher Arzt  die Untersuchungen vornahm.  Als  die    Nachricht  noch  nicht   bekannt    war,  waren alle  gesund.   Aber   nach  Bekanntgabe der   "Englandfahrt",   humpelte  fast  das  ganze  Lager.  Viele  haben sich  mehr  oder weniger    schwer verstümmelt,  um  nach Hause  kommen  zu können. Bei  dieser Untersuchung traf   ich zu  unser  beider Überraschung  meinen Vetter Heinrich  Nielsen (auch von  Sylt) wieder.  Er  hat  mich auf  Anhieb   nicht gleich wieder   erkannt. Denn  es  standen  ja auch   alle unter grosser  Anspannung.  Mein Vetter wurde   wegen   seiner  Fussverletzung entlassen.   Ich   wurde,     weil  ich  noch  keine   18 Jahre  alt  war,   entlassen.   Die   Freude   darüber kann man  nicht   beschreiben.  Was  wirkliche Freude ist,  kann   man nur   durch  solche Erlebnisse erfahren.  

Unter Geschrei der Vorarbeiter bin ich wieder runtergeklettert

Wir   wurden   mit   reichlich Verpflegung eingedeckt.   Dann  ging  die Reise   los.  Erstmal  ins  Durchgangslager Segeberg.   Segeberg  war   auch  Durchgangslager   für   Flüchtlinge.  Dieses Elend,  was  wir  da  zu  sehen  bekamen, war  unbeschreiblich.   Nicht  nur,  dass  diese  Menschen  ihr  Hab und  Gut  in  der  verlorenen   Heimat lassen   mussten,   eswaren  auch  viele die  von  den  Russen schwer mishandelt   worden   waren.  Die   unglücklichen  Kinderaugen  vergisst    man  auch nicht  so  leicht.   Wir  haben  gleich  unsere ganze Butter   usw.  an diese  armen  Menschen verschenkt.  Wir dachten   natürlich  auch,  das  wir  bald  nach  Hause  kämen  und  dann ja alles   hätten.  ( Irrtum)  Wir machten uns,    nach  dem  wir  unsere Papiere  fertig  hatten,  auf  den Weg  Richtung  Niebüll.  Heute  1996   von Sylt nach  Paris zukommen,  ist  gewiss einfacher als  1946 von  Segeberg  nach Niebüll.  Mein   Vetter blieb noch bis  zum   nächsten   Tag  in  Niebüll,  weil  er  dort    von  einem ehemaligen  Kameraden eine  Nachricht  überbringen  wollte.   Ich bin   weiter   gefahren. Auf   halben  Weg vom  Bahnhof  nach  Hause,  traf    ich  als erstes   bekanntes Gesicht,   unsere    Nachbarin  L.G.    Nach dreizehn   Monaten  Gefangenschaft  und  vier Monaten  Militärzeit war es    natürlich  ein überwältigendes  Gefühl,  unsere Strasse  mit  der  bekannten   Umgebung   wieder zu  sehen.  Ich konnte  es  immer  noch  nicht  fassen,  das   ich   nun  endlich  die  Tür von  Zuhause  hören  konnte,  an  die ich an  der   Front  oft  gedacht   habe. Das  mögen  kleine  Dinge sein,   aber  sie  können   eine  grosse  Bedeutung  haben. Zuhause  gab  es  natürlich das  grosse Wiedersehen.    Meinen   18  Geburtstag  konnte ich  zu  Hause  feiern,   obwohl  ja  alles  knapp  war.  Nun  ging  erst mal die ganze  Anmelderei   los.

Ausweis Ich  war  ca.  14   Tage  zu  Hause,  da  bin  ich  wieder  zur   Sylter   Inselbahn  und   habe  meine  abgebrochene    Lehre  als  Maschinenschlosser  weitergemacht.  Das   war   auch   ein  Erlebnis,  die  alten,   bekannten  Gesichter  der  Gesellen    wieder  zusehen.   Es  war  auch  wiederum   eine   komische Situation  für  mich, denn  nun  durfte   ich  in  den Pausen  nicht  rauchen.

Die  Gesellen  wurden  alle  mit  "Sie"  angesprochen.   Zu  Hause musste  ich  Abends pünktlich  um  22 Uhr  sein. "Aber   Lehrjahre  sind nun  mal  keine  Herrenjahre"   sagt man. Die  Lehre  bei   der   Inselbahn hat  mir trotzdem  Spass gemacht. Leider  war die   verlorene Zeit  durch   Militär  und Gefangenschaft nicht mehr  aufzuholen.   Die   Prüfung bestand   ich  trotzdem.    Eines Morgens,  ich  war  schon  ungefähr  ein Jahr wieder zu   Hause  und  hatte  länger  geschlafen.  Meine  Mutter   machte  sauber. Fenster  und  Türen  standen  zum Lüften auf, da  knallte   meine    Zimmertür  vom Durchzug  mit  grosser  Wucht zu.  Ich  hatte wohl   auch  gerade vom Krieg  geträumt.  Ich  hatte   so  einen  Schreck  ( Schock) bekommen,   das  ein Arzt   kommen musste.
Den  Geruch   verbrannter  Menschen   und Pferde  hatte  ich  immer  noch  Zeitweise   in   der  Nase.   Aber meine    Jugend  hat  mir  viel bei  der  Verdrängung  des   Erlebten geholfen.  Ich  möchte   auch  kaum  mit jemanden  über   meine Erlebnisse  sprechen. Meine  Wut  auf   Uniformen   war  so gross,  das mir  sogar   die   Bahnbeamten  mi t ihrer     Uniform  ein  Dorn   im  Auge  waren.   Politisch  war die  Zeit  auch interessant.   Bei Wahlveranstaltungen   aller   Coleur   war es   immer  proppenvoll.   Meine Freunde und  ich,  besuchten  fast   alle Veranstaltungen  aller  Parteien.   Aber  mit   der  Demokratie  umzugehen,   mussten   wir  erst  noch   lernen.   Unsere   Freizeit   bestand  meistens darin,   tanzen   zu    gehen. Alle   Lokale hatten  eine  Tanzkapelle.  Die  Kleidung  der Männer   bestand meist   aus  ehemaligen  Uniformen.  Marinehosen   waren  schon   etwas besonderes.  Sogar   ehemalige  Jacken  der Panzerfahrer tauchten   auf.     Viele  Mädchen   trugen  Blusen  und  Röcke aus  karierten  Militärbettbezug.  Die  Not  war  eben   sehr  gross. Aber wir    machten  das  Beste  daraus.  Schnaps  haben   wir   auch schon   mal  selbst  gebrannt.  Dieses war  natürlich  strengstens   verboten.  Zigaretten   waren  besonders  knapp,   daher  natürlich  beste  Währung.  Der   Schwarzmarkt   blühte.   In  der  Zeit  lernte  ich  meine heutige  Frau Gisela   kennen.   Sie war   damals  16  Jahre  alt.   In  den  Lokalen  war  der   Eintritt  erst   ab  18   Jahren  erlaubt.  Wenn  die  Kontrolle  kam,   hatte  ich meistens  eine  Schulkollegin,   die   über  18 Jahre  war und  schon  kontrolliert   war.  Sie ging  dann  nach   draussen   und reichte   meiner  damaligen  Freundin   ihren Ausweis  durch  das  Toilettenfenster  rein.  Das  ging  immer  sehr gut.   Schlimmer war  es,  wenn  der    Engländer  eine Razzia   machte.  Der  nahm  dann  kurzerhand  immer  alle  Mädchen  mit   auf   LKW,   mit  denen   sie   zur    Nordseeklinik gefahren  wurden.   Dort  wurden  sie  auf   Geschlechtskrankheiten   untersucht.   Darüber  waren  wir    natürlich   immer  stinksauer.   Der  Abend   war  dann natürlich   im  Eimer.   Einmal  haben  wir,   als  eine  Razzia  im  alten Kursaal  war,   dem Engländer   die  Luft  aus   den  Reifen   gelassen.   Die haben   uns noch  mehrere  Kilometer    am Strandverfolgt,   aber   nicht  bekommen.  Sonst vertrug   man  sich  einigermassen mit  den  Engländern.   Die   gingen   ja  auch mit  ihren   Mädchen zum  Tanzen  ins Lokal,   in  denen  auch   Deutsche  waren.  Die  meisten  Engländer  hielten   sich  aber hauptsächlich   in   ihren   eigenen  Messen  (Pub)  auf.   Da  war  natürlich  für  Deutsche   kein   Zutritt.   Deutsche  Mädchen  in  Begleitung  eines Engländers konnten  aber   mit  rein  in  den   Pub. Das schönste   an dieser    Zeit  war, das  die  Menschen   sehr  zusammen   gehalten hatten.  Wir  waren   immer  eine  grössere  Gruppe   zusammen,  die  zum  Tanzen nach  Wenningstedt,   Keitum  oder  wohin auch  immer   gingen.   Die  Mädchen waren    meist   in  grosser   Überzahl auf  dem  Tanzboden.   Das  war  hauptsächlich durch  die  grosse   Menge  Flüchtlinge  auf    der   Insel   zu  erklären. In  Diekjen  Deel,  wie  ich  mich erinnere,   bewohnten   fünf   Familien einen  Raum.   Diesen   hatten  sich die  Bewohner   mit  Wolldecken   unterteilt.  Das  Elend  war  unbeschreiblich,   Kasernen, Baracken,   Hotels,   Pensionen   und Privathäuser waren  vollgestopft   mit  Flüchtlingen.  Dazu gab   es  auf  der  Insel so  gut  wie keine    Arbeit.   Das   Arbeitsamt  war gegenüber   der   Alten   Post  im  alten Hotel.  "DeutscherKaiser".    Da  musste  man  sich   jede  Woche  einmal melden  und bekam  einen   Stempel  in seine  Stempelkarte.  Oft  standen  mehrere hundert    Arbeitslose Schlange  vor  dem  Arbeitsamt.    Im  Winter bei  eisiger  Kälte,   war  das  keine schöne  Angelegenheit.   Ich  zog   damals zu meinem  Freund  Max  Jensen  in  die Bastianstrasse,  in  ein  kleines,   winziges  und ungeheiztes    Zimmer.  Denn  wer  zu Hause wohnte,   bekam überhaupt   kein  Stempelgeld.  Das  war meine  Jugendzeit.   In dieser  Zeit   von Not   und   Elend hat man sich  nicht mit  der  Überlieferung und über  das  Tun   und   Lassen  des Dritten   Reiches  beschäftigt.   Dafür hatten die   Menschen  ganz  andere  Sorgen und nach  den gemachten   Erlebnissen  und   Erfahrungen   glaubte  man  sicher, das eine  Wiederholung  auch nur  in ähnlicher Form   vollkommen   ausgeschlossen    sei.  Heute weiss  man,  das eine bessere  Überlieferung  an  die folgenden Generationen  sehr  hilfreich gewesen wäre   Dann  würde   auch so mancher  Politiker heute  besser   zu diesem Thema  argumentieren  können.  Eine Rückblende in    sachlicher  Form  als Lehre sollte  für   uns immer  unerlässlich sein. Mittlerweile  wurde die  Notstands   arbeit eingeführt.   Wer eine  gewisse  Zeit gestempelt hatte,    musste diese  Notstandsarbeit verrichten.   Das  war  fast nur   Arbeit  mit  Spaten  und  Schaufel  (Kanalisation  usw.).   Ich    bekam mal,  weil ich Schlosser  war,   eine Zuweisung  zu   einer  Abrissfirma   in  List,  die  die Flugzeughallen demontiere.   Da  waren  schon mehrere  tödliche Unfälle    passiert.  Ich  war  auch gerade zehn  Minuten in etwa  zwölf  Meter Höhe  und sollte einen  Träger abbrennen. 

Arbeitslosenkarte

Als  ich  rundherum  die Sicherheitsmassnahmen  sah,  bin  ich  unter Geschrei   der  Vorarbeiter  wieder runtergeklettert     und  habe  meine  Papiere  verlangt  (Heute  würde  man solche  Firmen  vor  Gericht  bringen ).
Der  Mann  vom  Arbeitsamt  hatte  für  mich  Verständnis,   und  so   bekam ich  mein  Stempelgeld  weiter.   Das wurde   sonst  nicht  so  gehandhabt.

Viele  junge   Leute  waren  damals  vom  Engländer  im  Ruhrgebiet    verpflichtet   worden.   Dort   gab  es vor  allen  Dingen  im  Bergbau  viel Arbeit.  Im     Bergbau   zu   arbeiten   war  mehr  als  ein  harter  Job.   Viele,   die  einen  anderen  Beruf erlernt   hatten,  fanden  auch  Arbeit in  diesem  Beruf.   Auf  der   Insel war  es  immer  noch   eine  grosse Glückssache

wenn  man  mal  für  ein  paar Wochen  Arbeit  bekam.   Das  Geld reichte   knapp  für  die  Zimmermiete und  Kostgeld   für  zu  Hause.   Es war  garnicht   daran  zu  denken,  neue  Garderobe  zu  kaufen.   Die   Zukunft  für  uns   junge    Menschen  sah  nicht   gerade  rosig   aus.  Unser Hauptvergnügen   war  es  meistens,  abends zum  Tanzen  zu  gehen.   Vor  allen Dingen  im  Winter,   da   waren  die  Lokale geheizt. Tanzschulen  waren  zu  der  Zeit gross  im   Kommen.   Meistens   wurde  ein  Heissgetränk getrunken.  Eintritt  musste wegen der   Gage der   Kapellen   gezahlt  werden.  Die Preise  waren  dem  Geldmangel  aber  angepasst.

Von Hamburg nach Düsseldorf mit dem Fahrrad

Da  ich  inzwischen  verlobt  war und es  auf   Sylt  keine  Möglichkeit  gab,  auf  den  grünen  Zweig zu  kommen,   habe   ich  meinen Holzkoffer  auf   mein altes  Fahrrad geschnallt  und  bin  im Oktober 1950 Richtung  Rheinland   aufgebrochen. 50  Mark hatte  ich  mir  als  Reisekasse zusammengespart.   Damit   konnte  man  bei einer sehr    sparsamen  Lebensweise  gute drei Wochen auskommen.   In  Niebüll  bin ich auf das  Rad  gestiegen  und  Richtung  Husum reradelt.   Es  war  Rauhreifwetter.  In Husum  lernte  ich  zwei  Kraftfahrer kennen, die   mit  ihrem  kleinen  LKW nach  Eckernförde  sollten  und  einen Tag später   nach  Hamburg  weiter wollten.  Bis nach  Hamburg  wollten sie  mich   auch  mitnehmen.  Das war natürlich   ein  grosser Sprung  in meine  Richtung.   Erstmal  musste  ich mir eine    Unterkunft   für  die kommende Nacht  suchen.   Ich  weiss  nicht  mehr auf wie  vielen  Stellen   ich   war. Es gab einfach  keine    Möglichkeit  unterzukommen. Beim  Roten   Kreuz   war  ich mehrere  Male. Zuletzt  bin  ich  zur Polizei  gegangen, um    mein  Glück  zu  versuchen.   Ich musste lange  reden,  bis  sie  sich  erweichen liessen.   Freie  Zellen  hatten   sie nicht.  Aber   wenn ich  wollte,  konnte  ich  im  Spritzenhaus  übernachten.  ( Spritzenhäuser  waren früher so  eine  Art   Gefängnis).  Da  war auch noch  ein älterer   Mann aus der  Ostzone,  der auch   eine  Übernachtungsmöglichkeit   suchte.  So  hatte   ich  wenigstens Gesellschaft.  Wir  wurden  natürlich  eingeschlossen. Im  Gebäude  drinnen  war  alles   kahl und  nur  Betonfussboden.   Dazu war   es  lausig   kalt .   Decken hatten  wir  auch nicht.  Da  haben wir  uns  dann,   als  wir es  vor   Kälte  nicht  mehr  ausgehalten hatten,  Späne  aus  den   Balken geschnitten  und   ein  offenes  Feuer   gemacht.  An  Schlafen  war nicht   mehr  zu  denken.  Das   Feuer  war  auch  kläglich.  Nächsten Morgen  wurden   wir    wieder von  der  Polizei   befreit.  Wir  haben  wohl  bös  ausgesehen,   dazu  kohlrabenschwarz  im  Gesicht   von  dem    Feuer ! Wir mussten bei  der  grossen   Not  und dem Platzmangel,  die  in   ganz  Schleswig-Holstein  durch den     immer   noch  anhaltenden Flüchtlingestroms  herrschte,    dankbar  sein. 

Personalausweis Wir  waren  beide  allerdings  fix  und  fertig.  An  das   Auto Richtung   Hamburg   war  in  meinem  Zustand nicht  zu  denken.   So  haben wir   uns  beide  wieder   an  das   Rote  Kreuz   gewandt  und  um  Hilfe  gebeten.    Mein Kumpel,   der  von    Beruf   Melker   war,  konnte  an  einen  Bauernhof  vermittelt  werden.  

Das  war  zu  der  Zeit  schon ein  riesiges  Glück.  Mit  mir  hatte die   Angestellte  vom  Roten  Kreuz  so viel  Mitleid,   das sie  mich  zu  sich  mit   nach  Hause  nahm.  Da konnte  ich  mich  erst  mal  waschen,  bekam  zu  essen  und   ein  Bett.  Es  war   eine  grosse ,   nette Familie.   Von  der  Frau  war  das eine   aussergewöhnlich   grosse,   menschliche Geste.    Denn  zu  jener  Zeit,  hatte   jeder  sein  eigenes  schweres  Schicksal  zu  tragen.    Dazu waren  die  Menschen   vom  Roten  Kreuz  jeden Tag  total   überfordert.   Dank  dieser  Familie  bekam   ich  am  nächsten  Tag  einen  Platz  auf  einem   KW  Richtung Hamburg.  Von   Hamburg  bin  ich  fast die  ganze   Strecke   bis  Düsseldorf mit  dem  Rad     gefahren.   Details dieser  Tour  sind  mir  entfallen.  Bis  Düsseldorf   habe  ich volle   14 Tage  gebraucht.    In  Düsseldorf  habe   ich   mein  Fahrrad  erstmal  in  der   Gepäckaufbewahrung  aufgegeben.   Übernachtet   habe  ich  mehrmals  in   einem   Obdachlosenheim  ( in  einem ehemaligen   Luftschutzbunker).   Am  Tag bin   ich  dann  los  auf   Zimmersuche.   Das  war   aber   ein  hoffnungsloses Unterfangen.   Arbeit  gab  es  genug, aber nur  wenn  man  eine   feste Bleibe    nachweisen   konnte.   Das war  ein  Teufelskreis.   In  Düsseldorf   wollte  ich   mich eigentlich   mit einem  anderen  Westerländer    treffen,   der   mit  dem  Zug  kommen wollte.  Irgendwann nach  Tagen  haben  wir uns tatsächlich  in  einem    Obdachlosenheim wieder  getroffen. Wir  hatten  bald  von  Düsseldorf   die Nase  voll.  Wir  sind  dann  in  Richtung  Duisburg - Hamborn - Meiderich weitergegangen.   Da war   aber  das   Gleiche wie  in Düsseldorf.   Keine  Arbeit ohne  Bleibe   und umgekehrt.  Nach   langem  Suchen  fanden  wir endlich Arbeit  in  einer  Baufirma  "Sager  und Woerner" in    Meiderich.   Diese  Firma  hatte Wohnungbaracken   auf   dem  Gelände aufgestellt,  auf  dem  auch  gebaut  werden sollte. Das   ganze   Gelände  war ein Schlammloch.   In    unseren Wohnräumen lag  nachher,   vom   Reintreten,   über 5 cm  Schlamm.   Wir wohnten  zum  Teil mit acht  Personen  in   einem  Raum.  Von der Firma  wurden  vor  allen    Dingen  Maurer  gesucht.    Aber   da   waren nicht  viele  unter   uns,  die  diesen Beruf  oder  ähnliches    gelernt  hatten.   Da   wurden  dann  einfach  Leute  von  uns  ausgewählt  und  ein paar   Tage  angelernt   und  dann  als Maurer   eingesetzt.   Ich  wurde  als  Maurer  eingestzt,   weil  mein   Vater Maurer  war.  Die   Poliere  waren  da natürlich  voll    gefordert.   Denn  die  Bauten  mussten  bald   bezugsfertig sein.    Ich  schätze,  das  wir  rund   200  Arbeiter  gewesen  waren.  Das    Arbeitsklima  war  aber  auch  wunderbar.   Verdient   wurde  auch  gut. Jeder  konnte   so  viel  Überstunden  machen,  wie  er   wollte   und  konnte. Unsere  Tage bestanden   nur  aus Arbeiten  und  Schlafen.  Ich  war   bei dieser  Firma   vom  7.11.1950 bis  zum  6.12.1950.    Bei  dieser Firma hatte  ich  mich  mit  einem Arbeitskollegen aus   Duisburg-Hambornan gefreundet.   Bei  ihm konnte  ich erstmal  wohnen  und  mir so eine Arbeitsstelle   als    Schlosser  suchen. Bevor  ich  das  tat,    habe ich mich aber  erstmals  nach  Kriegsbeginn neu   eingekleidet,  ein  neues Fahrrad   gekauft  und  eine  Rückfahrkarte  nach   Westerland  gelöst.  Da  war mein  Geld  auch bald  alle.  Aber ich  hatte    mir, wenn  ich  zurück  nach  Hamborn  komme,  eine  Unterkunft und  eine  Arbeit  gesichert. Das  war eigentlich  alles  in   allem  für   fünf   Wochen  in der  Fremde  eine  gute Bilanz.   Ich  fuhr  erst  einmal  nach  Hause zum   Weihnachtsfest.  Auf  das  Wiedersehen mit  meiner  Verlobten  Gisela freute  ich   mich   natürlich  besonders.  Sie  hatte  zu  der   Zeit  ein kleines  Zimmer bei   meinen  Eltern. Zuhause   zahlte  ich  dann  mit  meinem Fahrrad  als  Kostgeld.  Anfang    Januar   fuhr  ich  dann  wieder  runter nach  Duisburg-Hamborn.   Bei  der Firma  Josef   Brand  habe  ich  dann bis   1953 als  Schlosser  gearbeitet.  Wir stellten  alles her,   was so  im  Bergbau  gebraucht   wurde. Einmal  bin  ich   für   unsere  Firma in  so   ein   Bergwerk  eingefahren   ( niewieder!).    Was  Bergleute  da  unten  leisten  mussten,   war   schon  ungeheuerlich!  Die  hatten auch  immer  Durst, wenn  sie  ans  Tageslicht  kamen.  Drei Kneipen   vor  einem   Zechentor  waren  keine  Seltenheit!   Überhaupt war   rundherum  Grossindustrie.   Wenn   die  Hochöfen   angestochen   wurden  oder  von  den  Kokereien  sah  es  Abends immer so   aus,  als wenn   der ganze  Himmel   brannte.  Wenn  man   eine  Stunde mit  einem hellen  Hemd  auf  der   Strasse ging,   war  der   Kragen  schwarz.   Die  Häuser waren   auch   schon   mehr schwarz  als rot.  Die   Gegend   war  nichts  für mich. Ich  wollte   nicht   für  immer hierbleiben. 

Solange es Menschen gibt, wird es auch Kriege geben

Ich  verdiente  aber  gutes  Geld, rund  50  Mark  in  der  Woche. Inzwischen   konnte  ich  mir  auch  ein Zimmer  besorgen, das  ich  mit  einem Bergmann  teilte.   Wir  wuschen  uns in  einem  Waschbecken  in  der Küche.   Die  Wirtin,    eine   ältere Witwe,   verschwand  dann  immer  so lange. Das  Zimmer  kostete  inkl.   Wäschewaschen und  Kost,  28  Mark    die  Woche. Eines Tages  stand  meine   Verlobte plötzlich ohne vorherige  Anmeldung  vor der  Tür.  Das  gab  natürlich Probleme  mit der  Unterbringung. Wir hatten  aber  riesiges  Glück,   denn sie  bekam  eine  Stellung im  Haushalt bei   einem  Kokerei - Direktor.  Dort bekam sie  ein   Zimmer  mit Zentralheizung.   Dieses Glück  zur  damaligen Zeit   war    schon  aussergewöhnlich. Zentralheizung  war  sowieso eine Rarität.  Ich   durfte  sie  auch zu jeder   Zeit,  ausser    Nachts, besuchen.  Direktor Meurer   war   eine echte  Persönlichkeit. Ich  schreibe   auch darüber,   um  zu  versuchen,   ein bisschen  aus  jener  Zeit zu  übermitteln. 1952    haben  wir  geheiratet.   Eine kirchliche  Trauung  war  nicht möglich,  da  ich  ja  nicht   konfirmiert  war.    Es  fehlten  mir  ja,  wie  bereits  erwähnt,  drei  Monate  von  zwei  Jahren   an Konfirmationsunterricht.   Meine  Frau  und  ich  haben  dann   noch  ein  Jahr in   Duisburg-Hamborn   gearbeitet.   1953   zogen  wir  wieder  nach  Westerland.
Wir  bekamen   auch  bald  eine  Wohnung über  den  Flüchtlingeausweis   meiner Schwiegermutter.   Die    Schwiegermutter  wohnte oben und  wir  unten.   Die  Wohnung  hatte eine Wohnfläche   von  ca.  42  qm.  Eine Wohnung   in  einem   Neubau  war  1953 schon ein  grosses  Glück.    Bald  meldete sich bei  uns  der  erste   Nachwuchs  an. Der sollte nun  getauft  werden.  War  aber nicht  möglich,   da  wir  nicht  kirchlich geheiratet hatten  und  nicht  konfirmiert    waren.  Nach  Rücksprache  mit  Pastor Wilken,   gab  es  die  Möglichkeit,   die Trauung  und  die  Konfirmation   nachzuholen.  Aber  dann  müssten wir   nochmals  drei  Monate Konfirmandenunterricht  mitmachen.   Das  taten wir    dann   auch,   denn  ohne  kirchlichen  Segen  wollten  wir  nicht gerne  leben.   Dasselbe   Schicksal   hatte meine  Schwester   und  ihr  Mann  auch.   So  gingen  wir  zu  viert,  einmal  in  der  Woche  abends zum  Unterricht.   An  irgend   einem   Sonntag  im  Juni   1954  wurden wir  kirchlich  getraut  und  konfirmiert.  Nun  stand  der   Taufe  von  unserem  Sohn  Udo   nichts  mehr  im Wege.    Dabei  war  für  mich  der   Glaube   absolut   unerlässlich.   Trotzdem  hatte  ich  so  meine   Schwierigkeiten  mit   dem   "Bodenpersonal".   Heute  würde  man  wohl toleranter   verfahren.   Aber  auch  dieser   Vorgang  erschien  mir  erwähnenswert.    Arbeit   war  auf   der  Insel immer  noch  knapp.   Meine  Schwiegermutter zog    bald  aus  in   eine  eigene  Wohnung.  Ich  bekam  Arbeit  bei dem  Engländer  auf  dem  Flugplatz.  Unsere   Miete,  50   DM im  Monat,   haben  wir  oft  in  drei Raten  zahlen  müssen.   Ein   Dreirad  für  den  Jungen  wurde ebenfalls  in drei    Monatsraten  zu zehn   Mark   bezahlt. Die  Tochter unseres  Nachbarn  sollte  zu Weihnachten auch  ein   Dreirad   bekommen.   Der Händler verlangte  von  mir,   weil  er ihn  nicht  kannte,   das   ich  für unseren Nachbarn  bürge.  Das    waren schon  harte  Zeiten   für   die  Menschen!   Unsere  Winterfeuerung   z.B.  war  immer  knapp  bemessen   und   schwer   zu  bezahlen.  Möglichst nicht  so  früh  am  Morgen  mit Feuermachen   anfangen,   war  unsere Spardevise,     eine  von  vielen  anderen !   Aber  es   ging   allen anderen  Menschen auch  nicht  besser.  Im  Gegenteil,   die  Menschen  (hauptsächlich   Flüchtlinge),   die sich mit  ihrer  ganzen   Familie   ein Zimmer  teilen   mussten.  Viele  dieser Unterkünfte   hatten  nicht   mal   einen Schornstein   anschluss.   Da  hat  man einfach  das  Ofenrohr  durch  das Fenster   rausgeleitet..  Es  gab   eben keine  andere  Alternative.   Denn  frieren  ist  noch   schlimmer  als  hungern.  Im Herbst  halfen  wir  den Bauern  bei der  Kartoffelernte.   Bezahlt wurde  mit   Kartoffeln.  So  kamen  wir einigermassen  über die  Runden.


Ich  wollte  schon  vorher  die  Musik  mal  erwähnt  haben.   Im  Krieg  war  das   Tanzen   ja  verboten  gewesen.   Nach  dem  Kriegsende  war  da   natürlich  ein  grosser  Nachholbedarf.   Es  wurde  hauptsächlich  Tango,   langsamer  Walzer,   Slowfox,   Walzer  und  Swing   getanzt.   Zum  Teil  machte sich   mehr  oder   weniger  in  den  fünfziger  Jahren  der  Einfluss  der  amerikanischen  Musik  bei     uns  bemerkbar.

Diese  beschwingte  Art  machte  sich in  der  Tanzmusik  bis  hin  zur Weihnachtsmusik  bemerkbar.  Diese  Entwicklung   wurde  zu  der  Zeit  lange nicht  von  allen  mit   Freude aufgenommen,   denn  die  Generation  und  auch  die  Älteren    waren  da  noch  sehr  konservativ  eingestellt.   Es brauchte damals  eine  ganze  Zeit, bis   man   sich damit   anfreundete. Man  sagte  zu  der Zeit:  "Es wird wohl allesverjazzt!"    Dann  kam der  Rock`n   Roll.   Damit  gab  es natürlich   auch   mal Schwierigkeiten auf  dem Tanzboden,   weil  dafür viel  Platz  nötig  war.   Ich  konnte mich  auch  nicht so  recht  an   diesen  wilden  Tanz gewöhnen.  Dabei   war  die  Rock`n  Roll Musik  eigentlich  das,   was  die Jugend zu  der    Zeit   gebrauchen  konnte !   Persönlich  meine  ich, das  es  bis zum  heutigen  Tage  nichts   Vergleichbares  gibt.  Als  man sich   mit  der  Musik  angefreundet hatte   und  Elvis   Presley  seines dazu gegeben  hatte,   war  das  schon eine   kleine  (oder   grössere) Revolution  zu  der Zeit.   Mittlerweile wurde  es  auf    Sylt  etwas besser  mit   der  Arbeitsplatz  situation.  Das   Ende  der  fünfziger  Jahre nahte. Viele   Flüchtlinge  haben  sich ins  Rheinland umsiedeln  lassen.   Viele  Insulaner  fingen auf  der Insel  an,   ihre  Häuser   zu bauen.  Ein  Quadratmeter  Bauland   war  noch für  50 Pfennig   zu haben.   

Ich   komme  nochmals   auf  das  Jahr 1956   zurück.   Da  arbeitete ich   bei der  Heizungsfirma  Rudolf Otto   Meyer   in   den  Lister Kasernen  als  Monteur.  Zu  der  Zeit wurde  ja  die  Bundeswehr  auf   die Beine  gestellt.   Für  mich  brach fast  eine  Welt  zusammen,   als  das  bekannt  wurde.   Denn  ich  und viele meiner   Mitmenschen  zu  dieser   Zeit,  glaubten  sicher,  das  Deutschland  mehr  aus der  Geschichte und  Vergangenheit   gelernt  hätte.  Zu  der  Zeit   (1956)   musste  man wohl  antworten:    "Denkste!!"  Wir  sprachen natürlich   die  zukünftigen Soldaten auf   ihre  Motive   an.   Es waren meistens  Soldaten,  die  im  letzten Krieg schon  gedient  hatten   und   jetzt wieder freiwillig    zur    Bundeswehr   gingen. Die Antwort  auf   unsere   Fragen   war  fast  immer  gleich.   Sie  sagten:    "Wir haben  ja  nichts   anderes   gelernt oder sollten  wir  als   Schuhputzer arbeiten ??"   Eine  für   mich  nicht    nachvollziehbare  Entwicklung. Heute,  1996,  sieht  man  da  doch einiges   anders.   Wenn  man  die Gegenwart,  aber  auch   die   Geschichte   unserer  Welt    betrachtet,   dann   kommt man wohl  oder  übel   zu   folgender  Erkenntnis:  "Solange   es  Menschen  gibt, wird   es  auch  Kriege   geben!   "Darum  soll  man  immer   auf  der  Hut  sein und  die  Entwicklung  verfolgen   und  dann  soll   es uns  nie   gleichgültig   sein,  welcher  Geist  in   unserer    Bundeswehr  und   in   den  Menschen  dieses  Landes   steckt. 

Ich  hoffe,  das  die  Bundeswehr immer  ihre   Vornehmliche  Aufgabe   wahr  nimmt  und  für  den  Frieden arbeitet.

Denn  zum  Frieden  gibt  es  keine Alternative

Schlusswort:

Eigentlich  war  ich  immer  zu  faul zum  Schreiben.   Selbst  eine  Postkarte  war   mir  schon  zu  viel.  Andererseits,  war  es mir  schon  seit Jahren  ein   Bedürfnis,  vor  allen Dingen  meine  Kriegserlebnisse,  als  16  jähriger  Soldat  festzuhalten. Durch  die  vergangenen  Jahre,    habe  ich natürlich  vieles  vergessen,   worüber  ich noch gerne  berichtet  hätte.  So manches  Erlebnis  wurde   wieder  geweckt,   als ob es  erst  gestern  gewesen  wäre,  und hat  mir  schlaflose   Nächte bereitet. Wenn  auch,   als  Einzelerlebnis  geschrieben,  so  sollte   es  doch auch  an  das unermessliche  Leid  vieler    Menschen,   und  an  die damalige   Zeit  erinnern.   Frauen  mussten  und  haben,    Unwahrscheinliches  leisten  müssen,   und  geleistet. Kinder  ( Jugendliche ),  15  und  16 Jahre  alt  wie  wir  waren,   wurden  an  die   Front   geschickt.

                 J u g e nd z e i t  w a r  e i n  F r e m d w or t !

Mit  diesem,  meinem  Bericht,  soll vor  allen  Dingen  daran  erinnert werden.   Dies  alles  habe  ich spontan    nieder   geschrieben,   wobei ich,  es  kein  zweites   Mal   tun würde.   Meine  Hoffnung  ist,   das   diese   persönlichen    Erlebnisse, späteres  Interesse  finden  werden.   Erschreckend ist für  mich  die   Tatsache,   wie   manipulierbar  der  Mensch  doch   ist,   obwohl  es  in  unserer Geschichte   das  Dritte   Reich  gab!  Eigentlich  müsste  unsere  Welt,    nach  all  den    gemachten  Erfahrungen,   in   Ordnung  sein.  Das dies  aber  nicht  der  Fall   ist,   gibt  mir   schwer  zu  denken. 

Die  Zahl  der  Opfer  des  Zweiten Weltkriegs  wird  auf  über  50 Millionen  geschätzt,   mehr  als  die Hälfte  davon   Zivilisten.    In  den deutschen  Zeitungen  der späten Kriegsjahre  beanspruchten  die  Listen mit der   Überschrift   "Gefallen für Führer, Volk  und  Vaterland"    immer  mehr  Raum.    Keine  öffentlichen Listen gab  es  für  die  Opfer   von Besatzungsterror,  Kriegsgefangenschaft,    Zwangsarbeit und  rassischer  Verfolgung,   ebenso   wenig  für die  Opfer  des   Partisanenkriegs oder des alliierten   Luftkriegs.   Hunderttausende deutscher  Soldaten   blieben   viele  Jahre  in  sowjetischer Kriegsgefangenschaft.   Millionen  von  Menschen waren  vermißt.   Ihr Schicksal   konnte nie  oder   erst  nach Jahren   oder Jahrzehnten  geklärt  werden.   Dieser  totale  Krieg   unterschied   nicht  mehr zwischen   Soldaten  und  Zivilisten,  zwischen  Männern   und Frauen,  zwischen   Erwachsenen und  Kindern  und verursachte   inbisher   ungekanntem  Ausmaß  Angst,  Unfreiheit,   Schmerz,  Krankheit,  Trennung,  Hunger,   Verwundung,  Entfremdung,  Verlassenheit,  Tod.    Für  die meisten  Deutschen  vermischten sich  die  Kriegserfahrungen  mit  dem  Erlebnis   einer   tiefgreifenden Niederlage.   Sie war  nicht  allein eine  militärische,   sondern   auch  eine   politische,   wirtschaftliche,  vor allem   aber eine  moralische   Katastrophe.

Die Anzahl der toten

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